Podolski und der 1. FC Köln Hol den Lukas

Frommer Bittgesang: Ein Kölner Kirchenchor singt Lukas Podolski in die Stadt zurück. Denn ein Kölsches Herz schlage nicht in der Fremde.

Mit Video. Von Philipp Selldorf

Sie sagt, sie habe Tränen in den Augen gehabt, als sie den Text für das Lied schrieb, weil sie so ergriffen war von dessen traurigem Thema. Einerseits hatte Alida Pisu an jene Männer gedacht, über die sie in der Zeitung gelesen hatte. Diese Männer - "selbst die härtesten unter ihnen", wie sie hervorhebt - waren ebenfalls vor Rührung in Tränen ausgebrochen, als ihnen Wolfgang Overath neulich auf der Jahreshauptversammlung des 1. FC Köln zurief: "Wir holen den Jungen nach Hause."

Wer betet mehr? Lukas Podolski oder die Menschen in Köln.

(Foto: Foto: AP)

Und dann dachte Alida Pisu natürlich an eben jenen Jungen, der in der fernen, fremden Großstadt Millionen verdient, aber sein Glück nicht findet. So hat sie sich hingesetzt und den Text geschrieben für "Holt den Lukas nach Haus". Sie meint, sie sei "kein Goethe", aber zumindest die Kernzeilen ihrer Dichtung treffen genau den richtigen Ton: "Ein kölsches Herz, das schlägt nicht in der Fremde / das sehnt sich nur nach Köln zurück".

Seit der Chor der Luther-Kirche den frommen Bittgesang zur Freilassung Lukas Podolskis samt der eigens komponierten Melodie von Thomas Frerichs bei der wöchentlichen Probe am Dienstagabend uraufgeführt und mit einem bei Youtube publizierten Video dokumentiert hat, weiß Alida Pisu, dass ihre Zeilen das Herz vieler Kölner erreicht haben. Das Telefon in ihrer Wohnung in der Kölner Südstadt steht kaum noch still, ständig melden sich Reporter, und das Videofilmchen ist aus dem Internet ins Fernsehen gewandert.

"Ein Sturm ist losgebrochen", sagt Alida Pisu. Demnächst macht ihre Schöpfung womöglich auf einem ordentlichen Tonträger Karriere. Der Hausherr der Lutherkirche, Pfarrer Hans Mörtter, berichtet von Plänen, das Lied mit Big-Band-Besetzung zu vertonen. "Wir haben zwar keinen Produzenten gesucht", erzählt er, "aber ich höre: Produzenten suchen uns."

Beifall für Völler

Ortsfremde mögen sich darüber wundern, dass ein stadtbekannter evangelischer Pfarrer und ein 80 Stimmen starker Kirchenchor so engagiert Anteil nehmen an einem Transferfall im Profifußball, aber es geht schließlich nicht um irgendeinen Spieler, sondern um Lukas Podolski und dessen bei Bayern München kümmernde Seele. Hier geht es mindestens ebenso sehr um kölsches Selbstverständnis und Stammesbewusstsein wie um Fußball.

Sogar bei der Konkurrenz auf der anderen Rheinseite kann man der Geschichte nicht entkommen. Als Bayer Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser neulich den realistischen Einwand wagte, die Heimholung des Angreifers sei eine Gefahr für Podolski wie für den 1. FC Köln, da wollte das jedoch niemand hören. Man unterstellte ihm subversive Motive. Bayer-Sportchef Rudi Völler bekam dagegen jede Menge Applaus, als er den Fall zusammenfasste: "Lukas gehört nach Köln wie der Dom."

"Stell dir vor, der Kreml stünd' am Ebertplatz / stell dir vor, der Louvre stünd am Ring (Rhein)", heißt es in einem anderen berühmten Kölner Volkslied namens "Mer losse der Dom en Kölle". Ebenso absurd kommt inzwischen vielen Kölnern die Idee vor, dass Podolski für den FC Bayern spielt. Daraus ist eine Art Volksbewegung entstanden. Im Sommer hatte ein Steinmetz die erste Spendenaktion zwecks Heimführung initiiert. Auch er wurde überwältigt von der Resonanz und klagte, dass er seinen Beruf nicht mehr ausüben könne.

"Poldi eint die Stadt"

Im Herbst, am 11. im 11., entstand die nächste Organisation, ein von elf redlichen Bürgern gegründeter, beim Amtsgericht eingetragener Verein "mit dem einzigen Ziel, Lukas Podolski nach Köln zu holen". Mit Handzetteln ziehen sie durch Kneipen, um die restlichen Millionen zusammenzutragen, die dem FC und dessen Geldgebern zur Ablöse noch fehlen könnten.

Pfarrer Mörtter ist vor allem durch seinen kämpferischen sozialen Einsatz bekannt geworden. Flüchtlinge fanden in seiner Luther-Kirche Asyl, lesbische und schwule Paare hat er vor dem Traualtar zusammengeführt, und er hat ein "Menschensinfonieorchester" gegründet, in dem Obdachlose und Nicht-Obdachlose gemeinsam Musik machen.

Das Lied für Podolski betrachtet Pfarrer Mörtter zuerst als Ausdruck "kölscher Freude" (im Karneval hält er auch eine närrische Messe auf Kölsch ab), aber er sieht auch ein soziales Element daran: "Köln hat Sehnsucht nach Podolski, Podolski hat Sehnsucht nach Köln", sagt er, "es ist ein großes Gefühl: Poldi eint die Stadt." Er muss ja nicht gleich an Weihnachten davon predigen.