Von Philipp Selldorf

Nach dem 2:1 in Aachen ist der MSV Duisburg dank scheinbar übersinnlicher Kräfte von Trainer Neururer seit neun Spielen unbesiegt.

Während der letzten Frankfurter Buchmesse wurden nach offiziellen Angaben 123496Neuerscheinungen präsentiert - und wieder war keine einzige Abhandlung über Leben und Meinen von Peter Neururer dabei. Wahrscheinlich liegt das daran, dass seine reichhaltige Trainer-Biographie mindestens ein Dutzend Bände von Moby-Dick-Format umfassen müsste, allein bei der Partie von Neururers MSV Duisburg am Montag in Aachen ist wieder Stoff für ein kilometerlanges Kapitel hinzugekommen. Es war zwar nur ein ganz normales, rumpeliges Zweitligaspiel, in dem der MSV dank glücklicher Umstände 2:1 gewinnen konnte, doch es hat den Legendenschatz des derzeit mal wieder erstaunlich erfolgreichen Trainers um mehrere markante Episoden bereichert.

Peter Neururer in Duisburg: immer noch unbesiegt. (© Foto: dpa)

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Im Spielbericht werden Makiadi und Ben-Hatira als Torschützen für den seit neun Punktspielen - also seit Neururers Amtsantritt im November - unbesiegten MSV geführt. Tatsächlich hat quasi telepathisch der Trainer die Bälle ins Netz befördert. Beim Ausgleich durch Makiadi (37.) hat Neururer den bei Eckstößen üblicherweise am kurzen Pfosten postierten Stürmer "mit Blickkontakt nach innen verschoben", wie er später erklärte - genau dorthin, wo der Ball nach Weiterleitung eines Mitspielers hinfiel.

Auch das 2:1 folgte Neururers Intuition und geistiger Anleitung. Und so ist es geschehen: Gerade als sich Ben-Hatira bereit machte, in die beim Stand von 1:1 festgefahrene Partie einzutreten, bekam die Alemannia die erste und einzige relevante Chance zum Führungstreffer. Polenz steuerte vom linken Flügel ganz allein aufs Duisburger Tor zu, Ben-Hatira sah es mit Schrecken. "Um Gottes Willen", sprach er zu seinem Trainer, "jetzt machen die das Tor." Neururer erwiderte: "Dann machst Du den Ausgleich." Als Polenz vorbeischoss, korrigierte Neururer seine Prophezeiung. "Jetzt", sagte er zu Ben-Hatira, "machst Du das Siegtor."

In der 79. Minute kam der vom Hamburger SV ausgeliehene Mittelfeldspieler aufs Feld, in der 83. Minute landete sein Weitschuss im Aachener Tor. Und was für ein Weitschuss das war. Aus 25 Metern hielt Ben-Hatira zugegeben ziellos drauf ("Ich wollte das Ding einfach nur im Netz sehen"), leichte Beute eigentlich für Aachens Torwart Stuckmann. Doch gerade als er die Hand zur Abwehr hob, drehte der Ball nach links ab und schlug ein zum vernichtenden Treffer. Stuckmann nahm die Schuld auf sich ("da sehe ich bescheiden aus"), aber das musste er gar nicht, denn Neururer weiß, dass eine höhere Macht im Spiel war: An einem anderen Ort, im Dienst einer anderen Mannschaft hätte dieser im Grunde nutzlose Fernschuss niemals ein Tor ergeben, meinte er - "aber wir haben eben jetzt den Lauf, dass so ein Ding reingeht".

Niemand kann seriös bemessen, welchen Anteil Neururer an diesem Glück hat, aber seine Verantwortung für den Aufschwung steht außer Zweifel. Duisburger Betreuer berichten, dass die Ansprachen des Trainers an die Fußballer geradezu magische Wirkung hätten. Dieses Phänomen der Erweckungsgabe begleitet die gesamte Karriere des 53 Jahre alten Fußball-Lehrers, man hat es in Schalke, Köln, Bochum und anderswo erlebt, jetzt in Duisburg. Dort hatten sie zwar an den belebenden Einfluss Neururers geglaubt, aber ihr Misstrauen nicht verbergen können.

Verein mit lustigem Trainer

Der Trainer, der zuvor mehr als zwei Jahre ohne Engagement geblieben war, erhielt deswegen nur einen Vertrag bis zum Saisonende. Nach dem Sieg in Aachen verkündete Präsident Walter Hellmich souverän und großmütig, der MSV werde das Arbeitsverhältnis mit Neururer verlängern, doch mit dieser Bekanntgabe handelte er etwas voreilig. Amüsiert nahm Neururer die von den Nachrichtenagenturen bereits verbreitete Kunde auf und dementierte: "Es gibt bestimmte Dinge, die möchte ich erfüllt wissen, sonst gibt es keine Vertragsverlängerung." Vor allem geht es um die Weiterbeschäftigung von Sportchef Bruno Hübner, mit dem Neururer unbedingt weiterarbeiten möchte.

Der Dissens ist nicht so groß, dass er für Krawallmeldungen taugt. Der MSV-Patron und Bauunternehmer Hellmich, dessen Firma gleich neben dem Tivoli das neue Alemannia-Stadion errichtet, ist es zwar gewohnt, beim MSV das erste und das letzte Wort zu haben, aber er wird Neururers Bedingung wohl erfüllen. Zu schön ist die Zeit, die sein Verein derzeit mit dem lustigen Trainer hat, als dass er die gute Laune gefährden dürfte. Nachdem Neururer das Team auf Platz zwölf übernommen hatte, ist mittlerweile auch der Aufstieg kein unrealistisches Ziel mehr. "Vier Punkte Rückstand sind gar nichts", sagt er, und in Freiburg, Mainz und bei der SpVgg Greuther Fürth wird man es mit Bangen hören.

Eine Niederlage hätte dennoch wohltuende Wirkung. Dann dürfte Peter Neururer sich endlich wieder die Haare schneiden lassen, denn im Zuge eines typischen Neururer-Gelübdes hat er Aussehen und Frisur der sportlichen Bilanz unterworfen. "Ich werde immer hässlicher", hat er in Aachen erfreut festgestellt. Gehört natürlich auch ins Buch, diese Anekdote.

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(SZ vom 04.03.2009/jüsc)