Von Ralf Wiegand

Bruce Arena, Trainer des US-Teams, verblüfft die Fußballwelt, ohne sie zuvor gesehen zu haben.

(SZ vom 21.6.02) - Inzwischen ist Bruce Arena in dem Wald aus Mikrofonen beinahe verschwunden. Zu Anfang in diesem Turnier war es noch übersichtlich, da reichte dieser kleine Raum im dritten Stock des JW Marriott Hotels von Seoul lässig aus für die tägliche Pressekonferenz mit Arena, dem Trainer des amerikanischen Nationalteams. Aber jetzt: Täglich schicken mehr US-Medien ihre Berichterstatter in schuldigem Pflichtbewusstsein nach Asien; sie kommen, bauen ihre Kameras auf und halten sie auf diesen Mann, den keiner kennt. "Fragen Sie mal irgendjemanden in den USA, wer Bruce Arena ist", sagt Susan, eine Reporterin aus Los Angeles, "sie werden keinen finden."

Mann mit Durchblick: US-Coach Bruce Arena. (© )

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Nervige Dialoge

Bruce Arena also. Sitzt da in kurzen Hosen, aus denen viel zu dünne Beine schauen. Keine Fußballerbeine. Hat den Reißverschluss seiner dunkelblauen Trainingsjacke - er trägt nie eine andere - immer bis zum Kragen hochgezogen. So sitzt er da vorne, ein wacher Kopf auf einer blauen Jacke, und schaut argwöhnisch auf die Journalisten, die ihm Fragen stellen, die ihm auf die Nerven gehen. Und denen er Antworten gibt, die sie nicht hören wollen.

Es ergeben sich Dialoge wie dieser: "Bruce, das US-Team hatte 70:30 Ballbesitz gegen Polen, warum hat es trotzdem verloren." - "70:30? Hatten wir das. Schauen Sie auf die Anzeigentafel, dann wissen Sie, warum wir verloren haben." Oder dieser: "Coach, welcher Gegner wäre ihnen im Halbfinale lieber, Südkorea oder Spanien?" - "Wenn Sie Coach des US-Teams im Fußball wären, glauben Sie wirklich, Sie würden in einem Halbfinale noch Ansprüche stellen?" Und schließlich: "Die Chancen für Deutschland stehen 80:20. Coach, wie sehen Sie das?" - "80:20? Nun, das scheint vernünftig."

Einäugiger unter Blinden

Fragen mit Gegenfragen zu beantworten verunsichert den Gegenüber, sarkastische Antworten stellen die Frage als Unsinn bloß - deswegen mögen sie ihn nicht, die US-Medien. Sarkastisch und arrogant sei er, heißt es, zuweilen rüde. Es wird wohl ein wenig auch daran liegen, dass Arena, 49, in einem Land der Einäugige unter Blinden ist, indem Reporter noch solche Fragen stellen: "Bruce, für unsere Leser, die nicht so oft Fußball schauen: Was muss man über Deutschland wissen?"

Nein, ein Soccer-Missionar will dieser Trainer nicht sein, nicht mehr, dazu beschäftigt er sich schon viel zu lange mit den Feinheiten des Sports. "Ab dem Moment, wo das Spiel gegen Mexiko zu Ende war", sagt er, "habe ich mich damit beschäftigt, wie wir Deutschland schlagen können." Man sollte das nicht unterschätzen, denn was Arena, einen Trainer, der nie im Ausland gearbeitet oder gelebt hat, von anderen Trainern unterscheidet, ist, dass er keine Leitmotive aus der Tradition des Fußballs berücksichtigt.

Er muss es nicht, er kennt sie nicht. Never change a winning team, auf die Idee würde Arena nie kommen. Er rotiert seine Elf in einem Tempo, dass es selbst Ottmar Hitzfeld schwindelig würde. Von 20 Feldspielern hat er in vier Spielen bereits 19 eingesetzt, weil er für jedes Spiel eine neue Strategie entwickelt. "Wir stecken die Köpfe zusammen und überlegen uns einen Plan", sagt er.

Bis auf elf Mann alles verändert

Arena ist ein Phänomen, weil er mit seinem Team die Fußballwelt verblüfft, ohne sie zuvor gesehen zu haben. Früher spielte er Lacrosse, eine Sportart, die in Europa so exotisch ist wie Fußball in den USA. Nebenher war er Torwart. Beim Fußball blieb er, trainierte 18 Jahre das Team der Uni Virginia, mit dem er alles gewann, und wechselte dann in die Major League Soccer. Aus dem Stand wurde er mit Washington DC dreimal Meister.

Die bei der WM in Frankreich zertrümmerte Nationalelf übernahm er 1998. "Ein Glücksfall", sagt Verbandspräsident Contiguglia, und Brad Friedel, der Torwart, behauptet: "Das einzige, was seitdem noch so ist wie vorher: Wir spielen immer noch mit elf Mann. Sonst hat sich alles geändert."

Arena ist so amerikanisch wie nötig, um die Mentalität der Spieler zu begreifen. US-Teams funktionieren über Teamgeist, über Spaß, über Selbstbestimmung. "Er verlangt nichts, was wir nicht können, und er ist offen für unsere Meinungen", sagt der Spieler Landon Donovan.

Keine Spielchen mehr

Wenn Arena einen Spieler beschreibt, dann lobt er nicht nur seine Fähigkeiten auf dem Platz. Er sagt über den Torwart Friedel zum Beispiel auch: "Er hat einen guten Humor." Arena ist dabei so europäisch wie möglich, damit Fußball als ernsthafte Sache betrieben werden kann. Die Amerikaner brillieren bei dieser WM nicht mit Zauberfußball, sondern mit einer zweckdienlichen Spielweise, die sich streng am Gegner orientiert. "Fußball ist ein Geschäft des Ergebnisses, nicht der Unterhaltung fürs Publikum", sagt Bruce Arena streng.

Und jetzt gegen Deutschland. "Auf dem Papier ist das gar kein Spiel, so groß ist der Unterschied", sagt Bruce Arena. Dann verschränkt er die Hände im Nacken, ehe er mit seinem überlegenen Lächeln anfügt: "Aber wir spielen ja nicht auf dem Papier."

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