Pep Guardiola vorm Dienstantritt Zweifler aus Santpedor

Wahrscheinlich hat die Fußballwelt noch nie gespannter auf einen Auftritt gewartet als auf den von Pep Guardiola. Am Montag startet er als Bayern-Trainer in München. Es kommt ein Auswanderer mit großem Gepäck.

Von Oliver Meiler, Barcelona

Da kommt einer, von dem man Epochales erwartet. Nicht weniger. Triple war gestern. Eine Ära soll es werden, eine bleibende Stilmarke. Pop mit Ball. Besser noch: eine Philosophie. Wenn möglich sogar eine Revolution, die man später mit Jahreszahlen versehen kann. Als Zeitspanne in Klammern. Dafür haben sie ihn nach München geholt: Josep "Pep" Guardiola, 42 Jahre alt, aus Santpedor bei Barcelona, Trainer des großen Barça (2008 bis 2012), der bisher besten Vereinsmannschaft - neuer Coach des FC Bayern.

Wahrscheinlich hat die Fußballwelt noch nie gespannter auf einen Auftritt gewartet als auf seinen Antritt - Montag, 24. Juni, 12.05 Uhr, in der Münchner Arena. Fiebrig, auch ein bisschen hysterisch. Und über allem hängt die Frage: Geht mit Bayern, was mit Barça gelang, Fußball als studierwürdige Kunstform? Und mit 14 Titeln in vier Jahren? Kann der Katalane auch außerhalb seines vertrauten, ihm wohlgesonnenen katalanischen Kosmos Erfolg haben? Ohne Messi, Iniesta, Xavi?

Pep Guardiola zweifelt wohl selbst daran. Er ist ein großer Zweifler. Das erzählen seine Freunde. Er ist einer, der methodisch zweifelt, der jeweils schlaflose Nächte hatte, wenn er im Kopf die Kreise neu vermass. Nie war er sich sicher. Auch nach vielen Trophäen nicht. Und das war einer der Gründe seines Erfolgs: diese ständige, besessene, zuweilen nervtötende Suche nach der Planbarkeit eines unplanbaren Spiels.

So kennt man ihn in Barcelona. Sein Arbeitsethos nötigte Respekt ab, es passte gut in den katalanischen Kulturkontext. Doch Guardiola war auch fast krankhaft detailversessen. Er saugte in seiner Zeit als Cheftrainer von Barça alles aus allen raus, auch aus sich selbst. Bis nichts mehr da war, keine Energie, bis er ein Jahr Auszeit brauchte und nach New York zog mit seiner Frau und seinen drei Kindern. Weit weg, dahin, wo Fußball keine große Bedeutung hat. Nur so ging es, mit einer Ozeanüberquerung. Selten gab ein Sabbatical mehr zu reden als dieses.

Und jetzt also München. La Vanguardia, die größte Zeitung Barcelonas, schrieb unlängst in einem wehmütigen Kommentar: "Wir haben die sentimentale Loslösung von Guardiola noch immer nicht verdaut. Es ist wie bei einer Ex, die man plötzlich glücklich und lächelnd am Arm eines Anderen sieht." In diesen Kategorien redet man von Pep, in der Rolle der Verlobten Kataloniens. Er war mehr als ein Trainer. Er durchdrang die Welten des Barcelonismo und des Katalanismus, auch politisch.

Guardiola war 13, als er zu Barça kam. Die Masia, diese hochgelobte Nachwuchsakademie des Vereins, nahm ihn auf. Santpedor, 7500 Einwohner, ist zwar nur etwa 70 Kilometer von Barcelona entfernt, doch Peps Mutter soll Bedenken gehabt haben wegen der großen Stadt. Guardiola durchlief mühelos alle Altersklassen, ein linearer Aufstieg. An den Wochenenden war er Balljunge im Camp Nou, roch am Rasen der Träume. Er sollte der erste Balljunge Barças sein, der mal Cheftrainer werden würde. Mit 19 gab er den Einstand in der ersten Mannschaft, gegen Cádiz.

Elf Spielzeiten folgten. Johan Cruyff machte Guardiola zum Führungsspieler. Keiner seiner Fußballer verstand mehr vom Spiel als dieser Mittelfeldspieler mit dem aufreizend langsamen Gang, der sich auf gefühlten zehn Quadratmetern bewegte, aber fähig war, die Mitspieler schnell zu machen, sie zu lancieren mit seinen klugen Pässen, seinem Blick für Räume. Guardiola hatte Charisma, schon früh. Und er konnte reden. Nicht nur in der Umkleidekabine: Als Kapitän reifte er zur katalanischen Identifikationsfigur. Wenn er "Visca el Barça, visca Catalunya" ("Möge Barça gewinnen, möge Katalonien gewinnen") rief, diese hymnische Vermischung von Fußball und Politik, wünschte man sich, dass der Ruf bis nach Madrid dringe. Nicht nur zu Real, sondern auch zur Zentralregierung.

Die letzten Jahre seiner Aktivzeit verbrachte Guardiola, mit bescheidener sportlicher Fortune, in Italien, in Brescia (wo ihn zudem ein Doping-Verfahren behelligte: Nandrolon, vier Monate Sperre, ehe ein Freispruch erfolgte), und auch in Rom, dann in Katar und Mexiko. Auslaufstationen. Guardiola wusste schon, dass er Trainer werden wollte. Er studierte seine Vorbilder, vor allem den Holländer Cruyff und den Argentinier Marcelo Bielsa. Er nahm auch Theaterstunden, um der großen Bühne gewachsen zu sein. Er unterhielt sich oft mit intellektuellen Freunden, Schriftstellern und Filmregisseuren, um auch den Künsten Lehren abzuringen für den Fußball. Dem breiten Publikum blieb diese Vorbereitung verborgen. Es wartete niemand auf Trainer Pep. Er war lange weg, ein verlorener Sohn, eine verblassende Erinnerung.

2007 bot ihm der Klub die Leitung von Barça B an, des zweiten Teams, dritte Liga. Eine unglamouröse Aufgabe. Guardiola nahm sie enthusiastisch an, mit der Inbrunst des Berufenen, er begeisterte mit seiner Art. Barça erlebte gerade eine dunkle Stunde, im A-Team Barcelonas spielten Ronaldinho, Deco und Eto'o. Wenn sie denn spielten. Öfter noch fielen sie durch Attitüden und nächtliche Eskapaden auf, wie sie den Jungs aus der Masia fremd waren. In jener Saison hatte man zum Schluss 18 Punkte Rückstand auf Real und gewann wieder nichts. Frank Rijkaard musste gehen. Die Ära der holländischen Lehrer war abgelaufen. Ein Hauch von Dekadenz umwehte den Verein. Und so besann man sich auf den katalanischen Reflex, um die traditionell maulenden Fans, die Aficionados, emotional wieder zu binden. Der verlorene Sohn, so sagte man sich, würde Brücken schlagen können zum Volk.

Mit 37 wurde "el de Santpedor", der aus Santpedor, Cheftrainer von Barça.