Von Von Thomas Hahn

Die wohl reichste Ausdauerläuferin der Welt kehrt zum London-Marathon zurück - Kritiker wie das frühere Idol Liz McColgan begleiten sie.

David Bedford, Renndirektor des London-Marathons, gehört offensichtlich auch zu diesen Leuten, die es viel besser finden, Geld zu haben, als darüber zu reden.

Läuft in London: Paula Radcliffe. (© Foto: Reuters)

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Denn die Geldgeschäfte um seine weltberühmte Veranstaltung, die am Sonntag zum 25. Mal stattfindet, pflegt er lieber diskret zu behandeln. Oder tut er nur so?

Jedenfalls weiß man genug über die Verdienstmöglichkeiten für Elite-Läufer bei dem 42,195-km-Rennen, um zusätzlich fasziniert zu sein von dem Ereignis. Je mehr von viel Geld die Rede ist vor einem Großstadt-Marathon, desto höher schätzt die Öffentlichkeit seinen Wert, und so lebt Bedford ganz gut mit seinem Image als Krösus, dem das Sportliche natürlich viel wichtiger ist als das Geschäftliche.

Liebling und Leidensfigur

Geld erhöht auch irgendwie die Spannung, und das spürt man in diesem Jahr besonders, da Paula Radcliffe, Liebling und Leidensfigur des britischen Sports, wieder in der Hauptstadt ihrer Heimat antritt und im Konfliktfeld Geld und Laufen auf neue Rekordwerte zustrebt.

Sie könnte die erste Frau der Leichtathletik-Geschichte werden, die in etwas mehr als zwei Stunden um eine ganze Million Dollar reicher wird, und dazu wird sie nicht einmal mehr tun müssen als beim besten Lauf ihrer Karriere, jenem Auftritt in London vor zwei Jahren, als sie in 2:15:25 Stunden einen sagenhaften Weltrekord aufstellte.

Damals hatte sie männliche Tempomacher, diesmal starten Frauen und Männer getrennt, weshalb sie schon für eine Zeit unter 2:18:56 Stunden den Weltrekord-Bonus von 125.000 Dollar kassieren würde als Schnellste eines reinen Frauen-Rennens. Dazu kämen noch 255.000 Dollar Preisgeld, "250.000 Dollar nicht veröffentlichte Bonuszahlungen vom London-Marathon und anderen Sponsoren", wie der Guardian vorrechnet, plus die Antrittsgage von kolportierten 500.000 Dollar.

Ihrem Ruf als reichste Ausdauerläuferin der Welt wird das Rennen bestimmt nicht schaden. Nicht einmal, wenn sie unter ihrem Rekord bleibt oder gar verlieren sollte gegen eine ihrer starken Konkurrentinnen, gegen Sun Yingjie aus China etwa oder Kenias Margaret Okayo.

Paula Radcliffe wird das nationale Ereignis sein am Sonntag in London, das ist klar. Das Männer-Rennen ist zwar ebenfalls erstklassig besetzt mit solch schillernden Gestalten wie dem italienischen Olympiasieger Stefano Baldini oder Weltrekordler Paul Tergat aus Kenia.

Und auf der renovierten, Strecke scheint sogar ein neuer Weltrekord möglich zu sein, nachdem Tergat die Marke 2003 in Berlin auf 2:04:55 verbessert hat. Aber was ist das schon gegen die schnelle Paula, die ihre Nation in den vergangenen Jahren große Freude, aber bisweilen auch tiefe Traurigkeit beibrachte.

Ihr Olympia-Auftritt in Athen 2004 ist noch längst nicht vergessen, als sie als Favoritin das Rennen nicht zu Ende brachte, sich kurz darauf über 10000 m versuchte und dabei auch aufgeben musste.

Kritik an der prominenten Erbin

Dass sie elf Wochen später den New-York-Marathon gewann, versöhnte ihre Beobachter etwas, aber dass sie in einem kommerziellen Rennen wieder in Bestform war, nicht aber ihrer Nation das ersehnte Gold beibrachte, ist als Makel geblieben. Und auch sonst bemängeln viele Beobachter, dass die einstmals bodenständige Paula nur noch bei ausgewählten Gelegenheiten ansprechbar ist, was viele auf das Gebaren ihres Mannes und Managers Gary Lough zurückführen.

Das mag auch der Grund dafür sein, dass Radcliffes Vorgängerin als Nationalidol, Liz McColgan, Olympia-Zweite 1988 und 1996 Gewinnerin des London-Marathons, in den letzten Monaten wenige Gelegenheiten ausgelassen hat, um gegen ihre prominente Erbin zu schießen.

Vor dem New Yorker Rennen hatte sie gesagt, dass sie beim Olympia-Marathon nie aufgegeben hätte. Und nun hat sie in einer Sonntagszeitung verlauten lassen, dass sie große Zweifel habe, ob Radcliffes Stil sie zur Olympia-Revanche führen werde: "Wenn sie so weitermacht, kann ich nicht sehen, dass sie es zu den nächsten Spielen in Peking schafft."

Und dass Paula Radcliffe ihren Reinfall von Athen auf ein Medikament schob, das Darmprobleme verursachte, findet sie weiterhin schwach: "Da scheint es immer irgendeine Entschuldigung zu geben."

Das Thema ist nicht schlecht, ein Streit der Generationen scheint sich fortzusetzen. Allerdings: Paula Radcliffe spielt nicht mit. Sie sagt: "Liz ist jemand, zu dem ich aufgeschaut habe, und ich hatte eine Menge Respekt wegen ihres Aufstiegs, und ich will mich nicht auf eine Schlammschlacht mit ihr einlassen." Auf den Straßen Londons will sie Antwort geben, die Zeit wird zeigen, wer Recht hat. Und Geld hat Paula Radcliffe ohnehin genug, um sehr geduldig zu sein mit ihren Kritikern.

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(SZ vom 15.4.2005)