Von Thomas Hahn

Bei den Paralympics wirken manche Sportler politischer als der IPC-Präsident. Fast hat man den Eindruck, Craven will die Paralympics inhaltsloser machen, als sie sind.

Am Ende kommt noch einmal Natalie du Toit, die südafrikanische Olympia- und Paralympia-Starterin. In einem Nebenraum der Pekinger Spiele lässt sie sich nieder zu einem letzten Auftritt nach wochenlangem China-Aufenthalt. Tags zuvor hat sie auch noch über 50 Meter Freistil gewonnen, sie ist jetzt zweimalige Fünffach-Paralympicssiegerin. Aber das ist gar nicht mehr ihr Thema. Sie redet über ihre nächsten Ziele. London 2012, auch dort will sie einen Olympia-Start im 10-Kilometer-Freiwasserschwimmen, außerdem über 800 Meter - und bei den Paralympics sieben Siege. "Es ist nicht schlimm, ein Ziel nicht zu erreichen. Schlimm ist, keines zu haben", sagt sie. Und sie erzählt vom Treffen mit Chinas Außenminister Yang Jiechi, der sie mit seinem Englisch "geschockt" habe: "Der hat einen größeren Wortschatz als ich." Über Umweltverschmutzung und das Land hätten sie gesprochen, und Yang habe gesagt, wie stolz er sei auf die vereinte Spiele-Leistung seiner Nation. Natalie du Toit findet: "Es war ein guter Morgen."

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IPC-Präsident Philip Craven (rechts) bei der Eröffnungsfeier der Spiele am 6. September in Peking. (© Foto: AP)

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Natalie du Toit spricht klar und ruhig und nie zu viel. Und wenn sie auch mit Yang so gesprochen hat und wirklich die genannten Punkte vorgebracht, hat sie gezeigt, dass auch der Sport ein paar tiefere Gedanken im Reich der Parteidiktatur zurücklassen kann. Was interessant ist, denn Funktionäre sprechen über so etwas kaum. Auch der Brite Sir Philip Craven nicht, der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC).

Platte Eloge

Olympia war ein Politikum, das dann zum Raub der China-Werbung wurde. Und die Pekinger Paralympics sind erst recht eines, wobei es einen entscheidenden Unterschied gibt: Bei den Paralympics kann der Gastgeber nicht nur sich selbst bespiegeln, sondern muss tatsächlich etwas für eine gesellschaftliche Minderheit tun. Schon weil die Bewerbungsstandards behindertenfreundliche Einrichtungen vorschreiben.

Und weil auch bei Chinas zweiten Spielen die Vermarktung stimmen soll, berichten die Staatsmedien ausführlich. Laut IPC täglich 22 Stunden auf mehreren Kanälen, wodurch Chinas lange vergessene Behinderte in ihrer Rolle als Sportler mit Fähigkeiten mehr denn je ein Massenpublikum erreichen. 2004 hat das IPC ein Positionspapier zum Thema Menschenrechte herausgebracht, in dem es gleiche Chancen für alle anmahnt. Man kann durchaus sagen, dass die Pekinger Paralympics schon durch ihr bloßes Stattfinden im Dienste dieser Forderung stehen.

Dabei will es das IPC dann allerdings auch bewenden lassen. Zumindest hat Präsident Craven kein verschärftes Interesse daran, in ein Gespräch über Menschenrechte einzusteigen. Vor den Spielen hat er manchen Neubau selbst befahren mit seinem Rollstuhl, um die Barrierefreiheit zu prüfen. Jetzt will er offenbar nur noch die perfekte Organisation genießen. Warum das so ist, kann man aus seinem Blog auf der IPC-Seite schließen. Dort schreibt er, dass er in Peking viel mit Chinas höchsten Regierungsvertretern unterwegs sei. Da neigt man leichter dazu, die schönen Paralympics-Bilder als die ganze Wahrheit über die Situation von Behinderten im aufstrebenden Riesenreich zu verniedlichen.

"Natürlich sind die Paralympics politisch"

Für ein Interview dazu ist Craven zu beschäftigt, wenn er doch eines gibt wie dem Berliner Tagesspiegel, flüchtet er sich in Vereinfachungen. Auch im paralympischen Pressezentrum wirkt die chinesische Internetzensur; zum Beispiel ist die Seite der Organisation Human Rights in China gesperrt. Craven spielt es herunter ("Wir sind keine Organisation, die sich um Webseiten kümmert") und erklärt sich begeistert ("Das ist keine Show, die irgendwas überdeckt").

Er scheint die Paralympics als reines Sportereignis feiern zu wollen, dafür allerdings weisen sie noch zu viele Unpässlichkeiten auf. Sportarten wie die Leichtathletik mit ihren vielen Wettkampfklassen sind unübersichtlich, und es passieren zu viele Pannen: falsch angesetzte Siegerehrungen, krasse Schiedsrichterfehler. Die gesellschaftliche Dimension der Spiele hingegen ist unbestritten, aber um dazu etwas vom IPC zu hören, muss man sich schon an die junge Generation wenden: "Natürlich sind die Paralympics politisch", sagt Verena Bentele, 26, siebenmalige Paralympicssiegerin im Biathlon und Langlauf und in Peking IPC-Botschafterin, "wir wollen zeigen, dass wir ein Recht auf Integration haben. Dass wir auch leistungsfähig sind. Nicht nur im Sport, sondern später auch in anderen Bereichen". Dass China bei allen Fortschritten ein Hort der Gleichberechtigung für Behinderte sei, wäre ihr neu.

Seine Spiele-Rückschau will Craven nach der Schlussfeier am Mittwoch geben, aber sie läuft wohl auf eine ziemlich platte Eloge hinaus. Fast hat man den Eindruck, Craven will die Paralympics inhaltsloser machen, als sie sind. An dem Vormittag mit Chinas Außenminister hat Natalie du Toit zum Beispiel auch Li Yue kennen gelernt, die trotzig-graziöse elf-jährige Ballettschülerin, die im Mai im Sichuan-Erdbeben ein Bein verlor und bei der Eröffnungsfeier mit einem Tanz im Rollstuhl das Publikum gerührt hatte. Sie saßen da, sie lernten voneinander. Und Natalie du Toit hatte nicht den Eindruck, als würde es den Spielen schaden, davon zu erzählen.

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(SZ vom 16.09.2008/mb)