Paralympics "Kein Mensch kann wissen, wie es mir jetzt geht"

Das Jubeln gwohnt: Anna Schaffelhuber feiert ihre sechste paralympische Goldmedaille.

(Foto: dpa)
  • Anna Schaffelhuber gewinnt bei den Paralympischen Spielen ihre sechste Goldmedaille.
  • Die Monoskifahrerin beherrscht die Kunst, das kurze Zeitfenster der Aufmerksamkeit, das den Paralympiern geboten ist, zu verlängern.
  • Im deutschen Team ist sie eine Orientierungsfigur.
Von Ronny Blaschke, Pyeongchang

Sie schrie vor Freude, sie ballte die Fäuste, sie konnte nicht mehr aufhören zu lächeln. Anna Schaffelhuber wirkte wie ein Neuling auf der großen Bühne, dabei dürfte ihr das Siegen so bekannt vorkommen wie Zähneputzen. Die Monoskifahrerin gewann am Samstag im Abfahrtsrennen ihre sechste paralympische Goldmedaille, die erste für das deutsche Team bei den zwölften Winterspielen in Pyeongchang. 1:33,26 Minuten betrug ihre Zeit. "Kein Mensch kann wissen, wie es mir jetzt geht", sagte sie. "Gold war mein Ziel. Jetzt schaue ich locker weiter."

Es heißt ja immer, Paralympier erhielten nur ein schmales Fenster der Aufmerksamkeit, alle vier Jahre öffnet es sich für zehn Tage während der Spiele. Anna Schaffelhuber, 25, dürfte abermals beweisen, dass es auch anders geht. 2014 in Sotschi nahm sie an fünf Wettbewerben teil. Sie war fit, konzentriert, effektiv - und gewann fünf Mal Gold. Das Fenster der Aufmerksamkeit hat sich danach nicht geschlossen. Schaffelhuber beherrscht es wie kaum eine andere, aus der Kunst des richtigen Momentes eine Dauerbeschäftigung zu machen. Auf der Piste - und vor allem daneben.

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"Auch Menschen ohne Behinderung sagen manchmal, ich würde sie motivieren, neue Themen anzupacken." Es ist ein Gewinn, Schaffelhuber beim Nachdenken über ihre Vorbildrolle zuzuhören. Sie könnte über Motivation sprechen, entscheidende Sekunden auf der Strecke oder die Lust auf Rekorde. Doch sie weiß, dass es keine Sensation mehr wäre, wenn in ihren ausbleibenden vier Wettbewerben weitere Siege folgen würden. Inzwischen ist sie eine der bekanntesten Paralympier weltweit. Und eine Orientierungsfigur im deutschen Team.

So auch für Anna-Lena Forster. Die 22-Jährige stürzte im Abfahrtsrennen ebenso wie die Österreicherin Claudia Lösch, beide galten als größte Konkurrentinnen von Schaffelhuber. Mehr Glück hatte Andrea Rothfuss mit ihrer Silbermedaille in der stehenden Klasse. Es war "ein gelungener Auftakt" der Wettbewerbe, wie es Karl Quade, Chef de Mission des deutschen Teams, formulierte. Es sind Tage, in denen vor allem Schaffelhuber ihren Stellenwert im deutschen Sport festigen kann. Doch nicht nur da.

Schaffelhuber spricht gern über Tätigkeiten, die sie sich auch durch den Sport ermöglicht hat. Sie hat nach Sotschi dutzende Vorträge gehalten, vor Sportlern, Unternehmern, Studierenden. Sie war in siebzig Schulen zu Gast, hat mit Jugendlichen über Behinderungen gesprochen, über alte Fehler und neue Chancen. Sie hat Monoski und Orthopädiegeräte erklärt, Klischees zerredet und Erwartungen geschürt. Bei anderen, aber auch bei sich selbst. In Afrika hat sie sich an einem Projekt beteiligt, das sich der Prävention gegen HIV verschrieben hat. Sie erhält viele Anfragen, und so dürfte es Ende März weitergehen.