Der französische Judo-Kämpfer Cyril Jonard kann kaum sehen und kaum hören - seine Siege sind Meisterwerke des Raumgefühls.
Cyril Jonard hat gewonnen, und schon erkennt er im Tunnel seines Blicks das Gesicht von Olivier, die weit aufgerissenen Augen des Trainers, seinen Mund, aus dem er zu sprechen scheint. Wenn Olivier Duplan zufrieden ist, klopft er Cyril Jonard kraftvoll auf die Brust. Das gehört zu ihrem Code aus Zeichen und Berührungen, mit denen sie Cyrils Behinderungen umgehen, sein schmales Gesichtsfeld und seine Taubheit, durch die ihn die laute Welt nur als ein Chaos aus dumpfen Geräuschen erreicht. Und jetzt ist Olivier Duplan sehr zufrieden.
Bild vergrößern
Sieht kaum, hört kaum - und ist trotzdem ein erfolgreicher Judoka: Cyril Jonnard (links). (© Foto: dpa)
Anzeige
Cyril Jonard hatte den Ungarn Gabor Vincze nicht gleich im Griff. Dann hob er ihn aus. Ippon. Die Medaillenrunde war erreicht im Judo-Turnier der Pekinger Paralympics. Cyril Jonard spürt die Fäuste, Oliviers Hand an der seinen, tanzende Finger, die ihm Signale des Wohlwollens in die Handflächen zeichnen. Dann gehen sie. Duplans Hand liegt jetzt auf seiner Schulter, der Trainer schiebt ihn sanft Richtung Ausgang. Cyril Jonard spürt weitere Schulterklopfer, aber er wirkt wieder ganz versunken in sich und die Kraftlosigkeit seiner Sinne.
Meister des Kompromisses
Ein paar Stunden später hat Cyril Jonard, 32, aus Le Pré Lanaud in der mittelfranzösischen Region Limousin, Kämpfer der Gewichtsklasse bis 81 Kilo, eine Medaille aus Silber um den Hals. Gold war das Ziel gewesen, aber Isao Cruz aus Kuba stand im Finale wie ein Fels, und dann gab ein Yuko, die dritthöchste technische Wertung, den Ausschlag. Cyril Jonard freundet sich nur schwer mit Platz zwei an. Was nutzt es ihm, dass auch dieses Silber ein Beweis seiner Stärke ist? Er ist der Weltmeister. Er ist der Paralympicssieger von 2004. Er will nicht weniger sein als Champion.
Usher-Syndrom heißt die sinnlose Laune der Natur, mit der Cyril Jonard lebt und die auf einen Gendefekt zurückgeht. Von Geburt an ist Cyril Jonard taub, die Netzhautdegeneration, welche die Sicht auf einen kreisrunden Ausschnitt verringert, setzte nach seinem zehnten Lebensjahr ein. Sie schreitet fort, irgendwann wird Cyril Jonard wohl gar nichts mehr sehen. Was ihm allerdings für immer bleiben wird, ist sein außergewöhnliches Talent, auf die Kompromisse einzugehen, die das Leben ihm aufzwingt.
Nebenbei noch andere Sportarten
Tennis und Fußball spielte er neben den Judo-Stunden, als er noch richtig sehen konnte. Mit seinem Augenproblem ging das nicht mehr, also blieb Cyril Jonard beim Judo, das ein idealer Blindensport ist, weil es den Tastsinn fordert, Kampfinstinkt und Aktionen, deren Geschwindigkeit das Auge ohnehin nicht wahrnehmen kann. "Wenn du die Hand am Kimono hast", sagt Olivier Duplan, "dann sind die Augen nicht mehr wichtig."
Und dass Jonard die Handlungsanweisungen seines Jugendtrainers Patrick Lacombe kaum sehen und hören konnte, machte er mit seiner außergewöhnlichen Auffassungsgabe wett, mit seinem Körpergefühl in Zeit und Raum und seinem Gespür für die Bedeutung von Berührungen. Es muss ein langer Weg gewesen sein, ehe Patrick Lacombe den Schüler im Einzelunterricht tastend, Beine und Arme führend all das gelehrt hatte, was er heute kann. Und auch die Zusammenarbeit mit Nationaltrainer Duplan musste sich erst entwickeln, als Cyril Jonard 2000 in den Kader kam.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
- Paralympics 2008 Das erste Gold für Deutschland 08.09.2008
- Paralympics Nicht blind genug 07.09.2008
- Paralympics 2008 Peking feiert wieder 06.09.2008
- Die Welt und das Auto Ver-rückte Sicht 04.05.2010
- Tücken des Chinglish Sind Sie gestohlen worden? 30.04.2010
- Tücken des Chinglish Sind Sie gestohlen worden? 30.04.2010
- Umfrage: Olympia-Bewerbung 2018 Die Begeisterung schmilzt 29.04.2010
Neue Nutzungsbedingungen