Ortstermin in Moskau Merkwürdiges Firmengeflecht

Innerhalb werfen ihm die Kritiker vor, Iljumschinow und sein Missmanagement seien schuld am schlechten Image und Zustand des globalen Schachsports. Der Kalmücke trat häufig gegen eher schlecht beleumundete Personen wie Muammar al-Gaddafi oder Baschar al-Assad zu Show-Partien an. Bei fast jeder seiner fünf Wiederwahlen gab es schmutzige Geschichten. Und zudem, so ein Vorwurf, missbrauche er die Fide für eigene Zwecke. Iljumschinow und seine Unterstützer streiten das ab. Sie sagen stattdessen, er habe schon Dutzende, ja Hunderte Millionen eigener Dollar in die Entwicklung des Sports gesteckt, und preisen seine vielen Projekte zum Wohle des Schachs.

Die wichtigsten Schach-Rechte gehörten einem Geschäftsmann aus Israel, den keiner kennt

Es ist aber in der Tat ein merkwürdiges Firmengeflecht, das sich im vergangenen Jahrzehnt rund um die Fide gesponnen hat. Am Anfang gab es dort ein Unternehmen namens Global Chess, dann eines namens Chess Lane und seit 2012 schließlich die Firma Agon - immer ging es um die Vermarkungsrechte des Schachsports. Es ist bis heute die Frage, warum es diese Firmen in dieser Form braucht, vieles ist verworren. Aber der gewaltige Datensatz der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca aus Panama, der der SZ von einer anonymen Quelle zugespielt wurde, hilft, ein paar weitere Teile diesem schwer zu lösenden Fide-Puzzle hinzuzufügen.

Die Thematik begann 2006/07. Damals duellierte sich Iljumschinow mit dem Niederländer Bessel Kok ums Fide-Chefamt - und gewann. Anschließend wollten die beiden vormaligen Konkurrenten aber über die Firma Global Chess BV mit Sitz in Amsterdam Koks kommerzielle Ideen umsetzen. Nach übereinstimmenden Aussagen der beiden kam der überwiegende Anteil des Kapitals von Iljumschinow. Aber offenkundig war das Unternehmen kein Erfolg. Gemäß eines auf Mai 2008 datierten Dokumentes aus dem Datensatz verkaufte Iljumschinow 999 Anteile an Global Chess an eine auf den Britischen Jungferninseln registrierte Firma: Chess Lane. Auf die Nachfrage, ob er die Firma an Chess Lane verkauft habe, sagt Iljumschinow nicht konkret ja oder nein, sondern nur, dass Global Chess geschlossen worden sei.

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Chess Lane wiederum war die Firma, über die Iljumschinow seine Vorstandskollegen Ende 2007 ins Bild gesetzt hatte. Sie sollte sich nun um die Vermarktung kümmern. Als starker Mann trat David Kaplan auf, ein reicher russisch-israelischer Geschäftsmann. Ein Vertrauter des Fide-Präsidenten sagte damals, dass Iljumschinow und Kaplan die Firma zusammen halten würden. Iljumschinow weist das zurück. "Ich hatte nie eine Verbindung zu Chess Lane", sagt er der SZ - und in der Tat findet sich sein Name an dieser Stelle nicht in den Unterlagen. Aber gemäß der Information aus dem Datenleak ist auch die Darstellung bezüglich Kaplan zumindest unvollständig.

Chess Lane ist eingebettet in ein größeres Geflecht, und am Ende stehen zwei Offshore-Firmen namens Binkler und Orion. Im kompletten Geflecht spielen neben Kaplan zwei russisch-israelische Personen eine Rolle, offenkundig Vater und Sohn: Avigdor und Elias Leibzon. Alle drei sind Direktoren von Chess Lane, Avigdor Leibzon gehören auch 100 Prozent der Anteile von Binkler. Aber wer sind diese Leibzons? In der Schachwelt scheinen sie unbekannt zu sein, Spuren in sozialen Netzwerken legen den Verdacht nahe, dass es sich um Verwandte von Kaplan handelt. Iljumschinow sagt zu der Frage, ob Avigdor Leibzon beteiligt war: "Ich erinnere mich nicht. Nein, Chess Lane, das war David Kaplan."

Aber die Dokumente zeigen: Die Vermarktungsrechte an den wichtigsten Schach-Veranstaltungen lagen in der Hand eines nahezu unbekannten Israelis. Kaplan und Leibzon antworteten nicht auf eine konkrete Anfrage der englischen Zeitung Guardian, mit der die SZ das Thema recherchiert hat. Nach Anfragen an diverse Fide-Protagonisten gab es nur eine allgemeine Antwort, dass der Weltverband seine finanziellen und kommerziellen Aktivitäten nicht über Offshore-Firmen abwickele und alles transparent zugehe.

Auch Chess Lane funktionierte nicht so, wie Iljumschinow, die Fide und die Schachwelt sich das wünschten. Aber die konkreten Besitzverhältnisse nachzuvollziehen, ist auch deshalb wichtig, weil 2012 die nächste Firma auf den Plan trat, die sich um die Schach-Vermarktung kümmerte. Ihr Name: Agon. Laut den Beteiligten gehörte sie damals dem Geschäftsmann Andrew Paulson, aber es gab auch hier stets den Verdacht, dass Iljumschinow dahintersteckt.