Von Thomas Hummel

Rückenschwimmer Helge Meeuw schwimmt bis zur Erschöpfung, erfährt aber dann, dass er gleich wieder ins Wasser muss. Und zwei Chinesinnen sind einmal nicht nervös.

Helge Meeuw stand ein paar Minuten nach seinem Rennen beim ersten Interview, konnte aber noch gar nichts sagen. Er atmete tief und schnell, hing plötzlich mit dem Oberkörper über der kleinen Balustrade zwischen ihm und dem Medienbereich. Der Rückenspezialist aus Wiesbaden war fix und fertig. Und in diesem Moment wusste er noch gar nicht, dass er gleich wieder schwimmen sollte.

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Fix und fertig: Helge Meeuw nach seinem ersten Rennen. Es sollte noch eines folgen. (© Foto: Reuters)

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Meeuw hatte gerade im olympischen Halbfinale über 200 Meter Rücken die zweitschnellste Zeit seines Lebens geschwommen, (1:56,85 Minuten) ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er das Ergebnis auf der Anzeigetafel entdeckte. Doch würde das zur Teilnahme am Endlauf reichen? Zeitgleich lag er mit dem Russen Arkadi Wjatschanin auf Rang acht. "Ich weiß gar nicht, was das jetzt zu bedeuten hat", sagte er. Der Reporter vom ZDF wusste es: Meeuw musste in einem Ausschwimmen gegen Wjatschanin alleine ins Becken. Als der Deutsche das hörte, erschlafften seine Muskeln noch mehr. "Das wird ziemlich hart", war alles, was er herausbrachte. Danach bat er die Journalisten um "was zum Trinken".

Als dann die Vormittagssession im Water Cube eigentlich schon zu Ende war, als sich die meisten Zuschauer schon abwendeten, standen Meeuw und Wjatschanin am Startblock. Es war leicht gespenstisch, diese beiden Athleten da alleine zu sehen, nur die kleine deutsche Gruppe auf der Tribüne schrie noch "Helge, Helge" in die Halle. Nach 50 Metern machte sich Hoffnung breit, Meeuw hätte sich erholt, doch kurz darauf brach der Deutsche ein und schied aus. Er sei nicht unglücklich, sagte er danach, schließlich habe er alles gegeben. Neben dem Becken schimpften deutsche Schwimmexperten, wie es denn möglich sei, dass Michael Phelps während eines Vormittags zwei Weltrekorde schwimmt und Meeuw nach dem zweiten Rennen kaum mehr alleine aus dem Becken steigen kann.

Steffen zittert

Trotz Meeuws denkbar knappen Ausscheidens durfte die deutsche Schwimm-Delegation den zweiten Einzug eines Athleten in ein Einzelfinale (nach Paul Biedermann) bejubeln: Britta Steffen, Europarekordhalterin, krault am Freitagvormittag um eine Finale über 100 Meter Freistil. Dabei musste auch die Berlinerin zittern - zu ihrer eigenen Überraschung. Denn Steffen lag in ihrem Halbfinale auf Rang drei und nahm deshalb am Ende Geschwindigkeit raus. Ihre 53,96 Sekunden (0,91 Sekunden über ihrer Bestzeit) hätten dann fast nicht gereicht für den Endlauf, weil die Chinesin Pang Jiaying wegen eines Fehlstarts disqualifiziert wurde, war es am Ende die sechstschnellste Vorlaufzeit.

"Ich habe gedacht, ein dritter Rang in meinem Vorlauf würde locker reichen", sagte die 24-Jährige, haderte aber dennoch mit ihrer Zeit: "Das liegt einfach am frühen Start am Morgen. Aber das Problem haben auch alle anderen". Tatsächlich hinderte das andere Athleten nicht, auch am sechsten Wettkampftag im Aquatic Center neue Weltrekorde zu produzieren.

Eine neue Bestmarke erwarteten viele im Höhepunkt des Tages, dem Endlauf über 100 Meter Freistil. Der Australier Eamon Sullivan und der Franzose Alain Bernard hatten den Zeiten in Peking schon dreimal verbessert. Doch im Finale kam es nicht zu einer neuen Steigerung, Bernard gewann in 47,21 Sekunden vor Sullivan (47,32). Die Weltrekorde 17 und 18 blieben diesmal den Frauen vorbehalten.

5,78 Sekunden schneller

So kam die 4x200-Meter-Freistil-Staffel aus Australien nach 7:44,31 Minuten ins Ziel, 5,78 Sekunden schneller als der bisherige Weltrekord. Den hatten auch die Teams aus China (Silber), den USA (Bronze) und aus Italien (Platz vier, Europarekord) unterboten. Es war die dritte Goldmedaille für Stephanie Rice (jeweils mit neuem Weltrekord) die damit zur erfolgreichsten Schwimmerin der Spiele avanciert.

Die zweite Bestmarke stellte die vor den Spielen noch unbekannte Chinesin Zige Liu über 200 Meter Schmetterling auf. 11.000 Zuschauer in der Halle feierten sogar einen Doppelerfolg der Gastgeber, Liuyang Jiao wurde Zweite. Beide unterboten den alten Weltrekord auf dieser Strecke deutlich, Liu um 1,22 Sekunden auf 2:04,18 Minuten.

Für die Gastgeber war es erst das erste Schwimm-Gold in Peking. Die Befürchtung vor den Spielen, mit allen Mitteln hochgerüstete Chinesen würden aus dem Nichts die Schwimmelite der Welt besiegen, hat sich bislang nicht bestätigt. Dabei macht es den Anschein, dass viele Athleten der Gastgeber zwar physisch mithalten können, aber nervlich dem Druck nicht gewachsen sind. Siehe der Frühstart der Mitfavoritin Pang über 100 Meter Freistil.

Liu und Jiao führten denn auch einen menschlichen Grund für ihren Erfolg an: "Es war toll, dass wir im Finale nebeneinander schwimmen konnten. Da waren wir nicht so nervös."

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(sueddeutsche.de/jüsc)