So einfach wird ein Problem gelöst: Die Funktionäre streichen einen Begriff. Man vertraut der chinesischen Führung, dass sie eine "Lösung zugunsten der Olympischen Spiele und der Athleten" finden wird.
Das China World Hotel leert sich. Viele der Delegierten aus 205 Nationen eilen zum Silk Market, zu Fuß in nur 20 Minuten zu erreichen. "Feilschen musst du da, Mann! Nur feilschen", erklärt ein Sportkamerad aus St. Kitts & Nevis seinem Inselnachbarn aus Antigua. Der Kerl aus Antigua ist kein Unbekannter: Paul "Chet" Greene sorgte vor Jahren für Schlagzeilen, als er wegen etlicher Korruptionsvergehen als Fußballpräsident entlassen wurde. Er zählt zur Tickethändlerbande des Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner. Heute dealt Greene mit Olympiatickets, denn dank Warners Unterstützung ist er zum NOK-Präsidenten Antiguas aufgestiegen und bekämpft in seiner neuen Funktion die Revolutionäre, die ihn einst abgesägt hatten.
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Am Mittwoch Nachmittag hatte IOC-Präsident Jacques Rogge eine Audienz beim Chinas Regierungschef Wen Jiabao. (© Foto: Getty)
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In der Lobby sind die ganz wichtigen Funktionäre jetzt ungestört vom Fußvolk aus aller Herren Länder. Wie die Pfauen stolzieren Ottavio Cinquanta, Präsident des Eislauf-Weltverbandes, der Grieche Lambis Nikolaou und der Israeli Alex Gilady umher. Es duftet nach teuren Parfümen.
Anders als Cinquanta und Nikolaou gehört Gilady zwar nicht dem IOC-Exekutivkomitee an, das bis Freitag beisammen sitzt. Nein, er gibt im IOC nur den Geheimpolizisten, trägt Stimmungen weiter und Meinungen, hält Kontakt zu den Hofberichterstattern und streut Gerüchte. Er ist einer der Spin Doktoren. Gilady hat Millionen gemacht beim amerikanischen Olympiasender NBC. Er lebt in den USA, in London, in Spanien, überall. Er ist in den teuren Hotels zu Hause. Ein Steak für 500 Dollar oder eine noch kostbarere Zigarre? Gilady liebt das Leben.
Vokabel "Tibet" verschwunden
Man darf diese Episoden getrost erzählen, denn wenn man den Hoheiten richtig gelauscht hat im Verlaufe des Mittwochs, dann ist in Peking gar nichts passiert. Worüber wurde noch mal diskutiert in dieser Woche, überall auf dem Planeten? Über Tibet, über den olympischen Fackellauf? Diese Fragen sind wichtig, um den Kapriolen der Sportfürsten folgen zu können.
Am Montag verabschiedete die Vollversammlung der 205 Nationalen Olympischen Komitees (ANOC) eine Resolution, in der die bedingungslose Teilnahme an den Spielen versprochen wurde. Im vierten und letzten Punkt dieses Papiers hieß es, man vertraue der Regierung der Volksrepublik China, dass sie "eine faire und vertretbare Lösung für den internen Konflikt in der Tibet-Region" finden werde. Am Mittwoch war die Vokabel "Tibet" verschwunden. Nun heißt es, man vertraue der chinesischen Führung, dass sie eine "Lösung zugunsten der Olympischen Spiele und der Athleten" finden werde.
"Private Meinungen"
Eine Lösung also. Wo noch mal genau? Niemand kann sicher sagen, was von diesem Papier übrig bleibt, wenn am Donnerstag ANOC-Vorstand und IOC-Exekutivkomitee darüber beraten haben. Da wundert sich sogar einer, der nicht zimperlich ist bei der Durchsetzung eigener Interessen. "Das ist grenzwertig", sagt DOSB-Generaldirektor Michael Vesper. Mario Vázquez Raña, als ANOC-Präsident auch IOC-Exekutivmitglied, mag nicht bestätigen, dass die Pekinger Olympiaorganisatoren und IOC-Präsident Jacques Rogge ihn aufgefordert hätten, das Wort Tibet zu streichen.
Ausgerechnet der Mexikaner, dem der Ruf eines Pistoleros anhaftet, stellt sich den Fragen - und macht einen guten Eindruck. Andere schweigen oder sagen nur wenig, wie Rogge, was dann doch nur - angeblich - ständig fehlinterpretiert wird. Noch einmal erzählt Don Mario, wie er die Resolution frühmorgens zusammengeschustert und darüber sogar seinen 40. Hochzeitstag vergessen habe.
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