Dank des neuen US-Präsidenten Barack Obama steigen Chicagos Chancen auf die Ausrichtung der Sommerspiele im Jahr 2016 - gegen die Mitbewerber Tokio, Madrid und Rio de Janeiro.
Barack Obama sprach am Dienstagabend nicht von den Olympischen Spielen. Kein Wort hat er darüber verloren, auch nicht tags zuvor, als er sich im quotenträchtigen ,,Monday Night Football'' auf ESPN ein letztes Mal vor der Wahl einem Interview stellte. Und dennoch war Obamas Auftritt im Grant Park von Chicago, die erste Rede nach seinem Wahlsieg, eine Art olympischer Testwettbewerb. Im Grant Park am Ufer des Michigan-Sees sollen im Sommer 2016 Olympia-Wettbewerbe im Rudern, Kanu und Bogenschießen stattfinden. Und Chicago hat nun, trotz großer Sicherheitsbedenken, einmal mehr eine Großveranstaltung mit hunderttausenden Besuchern gestemmt. Sequenzen aus der Rede Obamas können in jenes Video eingearbeitet werden, das die Olympiabewerber am 2. Oktober 2009 in Kopenhagen dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) präsentieren. Chicago kann sich keine bessere Werbung für seine Offerte wünschen.
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Baseball bald zurück bei Olympia? Die Wahl von Barack Obamas aus Chicago zum US-Präsidenten dürfte der Bewerbung der Stadt für Olympia 2016 einen Schub geben. (© Foto: Reuters)
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Bislang mussten sich Bürgermeister Richard Daley und Bewerbungschef Patrick Ryan argumentativ zurückhalten, um John McCain nicht zu verprellen. Nun werden sie versuchen, im Rennen um die Sommerspiele 2016 den Trumpf Barack Obama auszuspielen. Obama ist die einzige Hoffnung Chicagos, gegen die Mitbewerber Tokio, Madrid und Rio de Janeiro zu bestehen, die sportpolitisch allesamt besser vernetzt sind. Der krisengestählte Daley, der einst selbst Senator war und dessen einstige Top-Spender für Obamas Wahlkampf zahlten, hat im Juni versprochen: ,,Barack Obama wird dieses Land im olympischen Geist führen.'' Welch großes Wort. Wenn man nur wüsste, was es bedeutet.
An jenem 6. Juni, unmittelbar nach dem IOC-Vorausscheid, als die vier Finalisten bestimmt und drei andere Bewerber (Baku, Prag, Doha) aussortiert worden waren, löste Obama in seiner Heimatstadt Begeisterung aus, in vergleichsweise familiärem Rahmen. Er rief einigen tausend Menschen zu: ,,Ich kann mir nichts Größeres vorstellen, als im Sommer 2016, am Ende meiner zweiten Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten, der Welt zuzurufen: Let the Games begin!'' Die Menschen brüllten natürlich zurück: ,,Yes, we can.'' Plötzlich ist es möglich.
In der internationalen Sportpolitik sind die US-Amerikaner seit Jahren isoliert. Sie haben, mit Ausnahme des ehemaligen Olympiaorganisators Peter Ueberroth (Los Angeles 1984) keine Figur von Format. Sie sind zudem Leidtragende der desaströsen Außenpolitik von George W. Bush. Es fiel ihnen schwer, das zu erkennen. So geriet die Olympiabewerbung New York für die Spiele 2012 zur Farce. Alle Welt wusste, dass New York chancenlos war. Hillary Clinton sah sich als Senatorin dennoch in der Pflicht, 2005 die IOC-Session in Singapur zu besuchen.
Bei einem Wahlsieg von McCain hätten sich weitere Bewerberaktivitäten Chicagos erübrigt. Denn zwei Drittel von derzeit 111 IOC-Mitgliedern gehörten schon vor einem Jahrzehnt zum Gremium, als der republikanische Senator das IOC schwer demütigte.
Sie haben die Ereignisse des Jahres 1999 nicht vergessen: Damals kämpfte das von endemischer Korruption erschütterte IOC um seine Existenz. McCain gehörte zu den schärfsten Kritikern unter den politischen Schwergewichten. Er inszenierte zwei Anhörungen im Handelsausschuss des US-Senats in Washington und lud IOC-Patron Juan Antonio Samaranch vor. Beim zweiten Termin erschien der Spanier. Es war eine Erniedrigung. McCain führte IOC-Mitglieder vor wie Schulbuben und verlangte monatliche Finanzberichte vom Olympiakonzern. Er wollte gar die Sponsoren- und TV-Rechtezahlungen von US-Firmen einfrieren, eine Milliardensumme. Samaranch ist heute 88 Jahre alt und zieht für Chicagos favorisierten Olympia-Rivalen Madrid die Fäden.
Obama könnte tiefe Gräben zwischen Amerika und der olympischen Bewegung überwinden. Ein Staatschef kann im letzten Moment, mit welchen Argumenten auch immer, IOC-Stimmen sichern. Das schafften zuletzt Englands Premier Tony Blair (London 2012) und Russlands Präsident Wladimir Putin (Sotschi 2016). Chicago setzt nun auf die weltpolitische Sogwirkung des neuen Präsidenten - und auf seinen Besuch in Kopenhagen. Japans NOK-Chef Tsunekazu Takeda, der mit Tokio wunderbar im Rennen liegt, erklärte am Mittwoch, er könne sich vorstellen, dass Obamas Auftritt in Kopenhagen im IOC einen starken Eindruck hinterlassen wird.
Die Spiele 2016 haben für Obama nicht höchste Priorität, wiewohl sich anbietet, eines mit dem anderen zu verbinden. Eine Rede wie am Mittwoch kann er auf jeder IOC-Session halten. Er sollte nur ein paarmal das Adjektiv ,,olympisch'' einfügen.
(SZ vom 6.11.2008)
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