Olympische Spiele 1936 Nicht dabei sein ist alles

Weil Brundage, der 1952 IOC-Präsident wurde, nach dem Krieg eingestand, alle anderen nach Berlin geladenen Nationen wären wohl einem US-Boykott gefolgt, sind Fragen nach den möglichen Folgen eines solchen Ausstands selbst heute noch opportun. Es werden ja auch Erörterungen über den Sinn der tatsächlich vollzogenen drei Olympiaboykotte in den 1970er und 1980er Jahren im Rahmen der aktuellen China-Diskussion wieder mit mehr Aufmerksamkeit bedacht. "Der Boykott hat nichts gebracht", konzedierte Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, der 1980, wider besseres Wissen, aus Bündnisgründen dem Boykottaufruf von US-Präsident Carter gefolgt war, den Spielen in Moskau fernzubleiben, vorige Woche in einem Leserbrief an die SZ.

Schmidts Erkenntnis trifft zu, wie die Geschichte gelehrt hat, auf 1980, als 33 westliche Länder wegen des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan boykottierten, 1984, als sich der Ostblock revanchierte, und 1976 mit dem Startverzicht von 28 afrikanischen Ländern, die enttäuscht waren, weil das IOC Neuseeland wegen einer Rugbytournee im Apartheid-Staat Südafrika nicht bestraft hatte. Keinesfalls jedoch trifft das auf 1936 zu.

"Ein Boykott hätte Vorteile"

Hitlers Weg in die Katastrophe wäre natürlich nicht weniger blutig gewesen, kein einziger Jude mehr wäre gerettet worden, hätten die USA und andere wichtige Länder der freien Welt ihren Start abgesagt. Der perfide Plan der Nazis, als friedliebende Gastgeber mit einer Propagandaschau des vermeintlich völkerverbindenden Sports abzulenken von ihren wahren Vorhaben, hätte indes früher entlarvt werden können. "Ein Boykott 1936", formulierte der französische Politwissenschaftler Alfred Grosser, "hätte Vorteile für den demokratischen Gedanken, für die Verteidigung der freiheitlichen Grundwerte geboten."

Grosser hatte Ende der 1980er Jahre auf Willi Daume reagiert, den Vorsitzenden des deutschen olympischen Komitees und verbitterten, weil unterlegenen Gegner des Moskau-Boykotts, als der noch einmal auf die Nutzlosigkeit des Verzichts verwiesen hatte. Weil Daumes Athleten sich den Sowjetspielen verweigern mussten, büßte der NOK-Präsident seine Chancen ein, IOC-Präsident zu werden.

Was aus Olympia in den vergangenen 30 Jahren geworden wäre mit dem Intellektuellen Daume an der IOC-Spitze anstelle des Finanzhais Samaranch, ist freilich eine ganz andere Geschichte.