Olympische Spiele in Sotschi Wie der Strippenzieher den Weltsport durchdringt

Wladimir Putin (rechts) mit Sportminister Vitaly Mutko in Sotschi.

Selten zuvor hat sich ein Politiker Olympische Spiele so kalkuliert einverleibt wie Wladimir Putin in Sotchi. Aus Deutschland erhält Russlands Staatschef umfangreichen Flankenschutz. Wenn seine Spiele zu Ende sind, heißt das aber nicht, dass Putins Zeit im Sport vorbei ist. Im Gegenteil.

Ein Kommentar von Johannes Aumüller, Sotschi

Wenn Olympische Spiele enden, gehört es zu den üblichen Ritualen, ein "Gesicht der Spiele" sowie die prägende "Szene der Spiele" zu bestimmen und so der Veranstaltung irgendein Etikett zu verpassen. Noch selten fiel die Wahl so leicht wie diesmal in Sotschi. Das Gesicht der Spiele: Wladimir Wladimirowitsch Putin. Das Etikett der Spiele: "Putins Spiele". Nur bei der Szene der Spiele kann es ein paar Diskussionen geben. War es der Moment, in dem sich Putin auf seinen Auftritt bei der Eröffnungsfeier vorbereitete und auf dem Flachbildschirm im Hintergrund die manipulierten Fernsehbilder der olympischen Ringe zu sehen waren? Oder Putins Besuch im Österreich-Haus, wo er im roten Skianzug auf einen Schnaps vorbeikam? Oder Putins Jubel an der Seite von russischen Goldmedaillengewinnern?

Natürlich bleiben von solchen Winterspielen auch ein paar sportliche Leistungen und stimmungsvolle Momente; es bleiben auch die klassischen Probleme des Sports wie Dopingfälle oder umstrittene Wertungsurteile. Aber selten zuvor hat sich ein Politiker das Gesamtprodukt Olympische Spiele so kalkuliert einverleibt, wie das Russlands Staatspräsident in Sotschi gemacht hat.

In einer Reihe mit russischen Großprojekten

Sotschi lässt sich gut in eine Tradition gigantischer russischer Großprojekte einreihen. Peter der Große ließ mitten in den unwirtlichen Sümpfen der Newa Petersburg hochziehen. Unter den letzten Zaren entstand quer durchs Riesenreich die Transsibirische Eisenbahn. Und Putin schuf sich - nicht in sieben Tagen, aber in sieben Jahren - am Schwarzen Meer seine olympische Parallelwelt.

Jetzt lasst uns feiern!

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Aber Sotschi unterscheidet sich von den anderen Projekten. Bei Peters Bauwahn stand am Ende eine prunkvolle Stadt; die Transsib verkörpert die faszinierende Weite des Landes. In Sotschi ist das Produkt jedoch nachrangig - künftig kommen halt ein paar Touristen mehr dorthin oder auch nicht. Sotschi war in erster Linie ein Gefühl, eine Botschaft: Russland kann solche Großprojekte stemmen. Oder besser: Wladimir Putin kann solche Großprojekte stemmen. Völlig egal, wie viel das kostet; und völlig egal, wie sehr Umwelt, Arbeiter und Einwohner darunter leiden müssen. Wobei Putin damit rechnen konnte, im Zweifel ausgerechnet aus Deutschland umfangreichen Flankenschutz zu erhalten, von Duzfreund Gerhard Schröder, vom Gas-Botschafter Franz Beckenbauer und von Thomas Bach, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Die Putin-Spiele: Zu Beginn des Jahrtausends fand der russische Präsident bei einer Spritztour mit dem Jeep den konkreten Ort. Bei der Vergabe der Spiele 2007 in Guatemala bezirzte er persönlich die Mitglieder der Ringe-Organisation. In der Aufbauphase hatte er jederzeit die Kontrolle. Das IOC war schwer beeindruckt, dass es "immer die Möglichkeit hat, zum obersten Chef zu gehen" und dass "Bitten innerhalb von zwei Stunden erledigt werden", wie das Jean-Claude Killy, der Vorsitzende der Koordinierungskommission, berichtet hat.