Der Spitzensport hat es mit seiner Großartigkeit in Peking ganz offensichtlich etwas übertrieben. Um als Vorbild zu taugen, muss die Leistung eines Athleten wenigstens menschlich erscheinen. Die Illusion muss bestehen, dass Talent und Trainingsfleiß ausreichen könnten, um einen Meister zu machen. Usain Bolt aber taugt nicht zum Vorbild. Er, der schaffte, woran eine ganze erwiesenermaßen gedopte Sprintergeneration scheiterte - 9,70 Sekunden über 100 Meter zu unterbieten und überdies die zwölf Jahre alte 200-Meter-Bestmarke zu knacken - kommt sogar seinen direkten Konkurrenten nicht mehr vor wie ein Mensch, sondern wie eine Halluzination. Wer sich ihn zum Vorbild nähme, könnte auch gleich Batman sein wollen.

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Ähnliches gilt für die programmierten acht Goldmedaillen des US-Schwimmers Michael Phelps oder all die nach chinesischem Staatsplan verwirklichten Siege von gedrillten Turnküken oder maskenhaften Turmspringern. Wem oder was sollte ein Kind da nacheifern wollen: Mit angeblich 16 auszusehen wie eine Zehnjährige? Nicht lächeln zu können auf dem Siegerpodest? Die olympische Idee ist sicher nicht erst in Peking zu Tode gesiegt worden - aber hier besonders.

Wohltuendes Desinteresse

Da aus dem Sport heraus die Wende anscheinend nicht zu schaffen ist, könnte eine veränderte Wahrnehmung des Sports ihm vielleicht helfen. Die Zeichen werden deutlicher, dass die Gesellschaft nicht mehr bedingungslos bereit ist, dem Fach Körperertüchtigung alles durchgehen zu lassen. Schon die Vergabe der Spiele ans chinesische Regime löste eine spannende Debatte aus, inwieweit der Sport so tun darf, als lebe er in seiner eigenen, unpolitischen Wirklichkeit.

Bundestagsabgeordnete bereisen Peking - nicht mehr nur, um sich mit Siegern ablichten zu lassen, sondern auch, um Missstände anzuprangern. Abseits der Olympischen Spiele, etwa im Fußball, durchkreuzt das Kartellamt die Pläne zum ungebremsten Geldverdienen mit den Fernsehrechten. Gleichzeitig hinterfragt die Politik, warum die Allgemeinheit den Showbetrieb Bundesliga mit seinen Millionengehältern subventionieren muss, indem die Polizei unentgeltlich für Ordnung am Stadion sorgt. Je weiter sich der Spitzensport von der Basis entfernt, je brüchiger das Vertrauen in die Leistungen dort oben wird, umso geringer wird die Bereitschaft, die Spitze zu fördern - egal, ob mit Geld oder Anerkennung.

Anders als das IOC in seinem Werbespot suggeriert, trauen ja nicht einmal die Funktionäre selbst ihrer muskulösen und moralischen Menschheitselite. Die Besten der Besten müssen von einem Heer von Dopingfahndern kontrolliert werden, und das Misstrauen erweist sich als angebracht: Schützen drosseln ihren störenden Puls mit Betablockern, und Pferde werden schmerzempfindlicher und damit leistungsbereiter gesalbt - welch verheerendes Signal an die Schützenvereine und Ponyhöfe. Mit "hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp" ist es jedenfalls nicht mehr getan.

Womöglich entwickelt der olympische Wahnsinn aber heilende Kräfte. Im verstörten Publikum bahnte sich in den Tagen von Peking eine interessante Wende an. Zumindest hierzulande ist gelegentlich schon ein wohltuendes Desinteresse zu spüren gewesen an den Nachrichten aus dem olympischen Absurdistan. Die Einschaltquoten, konstatierten ZDF und ARD, erfüllten nicht die Erwartungen. Das liegt nicht nur an der Zeitverschiebung - auch die Zusammenfassungen zur hiesigen Primetime kommen nicht gut an. In die Reportagen aus China mischte sich zur gewohnten Faszination so etwas wie Ekel. Dagegen umwölkte ungeahnte Milde daheim manch deutschen Verlierer, der ja umso sauberer sein könnte, je schwerer er geschlagen wurde. Das wäre doch ein Sieg: Wenn The Best of Us nicht mehr die Ersten sein müssen.

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(SZ vom 23.08.2008)