Von Thomas Becker, Peking

Die zwölf Super-Egos aus Amerika haben die Goldmedaille beim Basketball geholt und sich für die Schmach von Athen rehabilitiert. Sie mussten jedoch hart dafür arbeiten.

Paul Gasol war schon gegangen, Trainer Aito Garcia folgte ihm kurze Zeit später, und nun warteten die Reporter auf den US-Coach und einen der Goldmedaillengewinner. Ein Spieler muss immer mit in die Pressekonferenz und diese lästigen Fragen beantworten. Macht keinen Spaß, gehört aber zum Job. Doch als sich die Tür zum Kabinentrakt öffnet, marschiert nicht nur ein US-Boy herein, sondern die komplette Truppe, zwölf Mann - was den armen Moderator komplett überfordert: Für so viele Spieler ist gar kein Platz auf dem Podium.

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Kampf um den Ball beim Finale. (© Foto: rtr)

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Den Amerikanern ist das egal: Machen wir das halt im Stehen. Dieses aufgekratzte Millionärs-Dutzend verbreitet nicht nur überall, wo es auftaucht eine wunderbare Klassenfahrt-Atmosphäre, sondern demonstriert auch bis zum letzten offiziellen Programmpunkt dieses olympischen Basketballturniers, was es während der vergangenen zwei Wochen ausgemacht hat: Teamgeist.

Acht Jahre lang waren die USA nicht Olympiasieger im Basketball. Es muss ihnen wie ein Jahrhundert vorgekommen sein. Die Nummer eins im Basketball zu sein, ist für Amerikaner so selbstverständlich wie es für China selbstverständlich ist, alle Tischtennismedaillen abzuräumen. 16 Mal wurden seit 1936 Goldmedaillen im Basketball vergeben, zwölf Mal gewannen die USA. Doch dann die Schmach von Athen: Bronze.

"Wir waren am tiefsten Punkt Amerikas", erzählt Carmelo Anthony, der damals dabei war. Nach dem berauschenden 118:107-Finalsieg gegen Weltmeister Spanien ist die Ordnung wieder hergestellt: Kobe & Co. haben die Basketballwelt vom Kopf wieder auf die Füße gestellt - in Gemeinschaftsarbeit. "Wir haben keine zwölf Super-Egos, sondern ein kollektives Ego", erklärt Mike Krzyzewski, der Trainer. Keine Sekunde habe er Probleme mit dieser Ansammlung von Super-Stars gehabt. "Ich habe ihnen gesagt: Bringt alle eure Egos mit - das ist das, was euch ausmacht."

Vor drei Jahren hatte der College-Coach den heiklen Trainer-Job übernommen und das Kunststück fertig gebracht, zwölf NBA-Profis auf Olympia 2008 einzuschwören. Keiner scherte aus, keiner forderte Sonderrechte, sie waren tatsächlich ein Team. Und alle wollten sie nur eins: Ballspielen. In jeder der acht Partien bei Olympia platzten die US-Boys fast vor Spielfreude und vor Lust, ihr Können zu zeigen. Nur zwei Mal blieben sie unter der 100-Punkte-Marke.

Doch dass es gegen die Spanier so knapp werden würde, hätte nach den bisherigen Auftritten der NBA-Stars niemand gedacht. Mit 119:82 hatten sie die Spanier in der Vorrunde gedemütigt, doch was der Weltmeister dann im Finale zeigte, wird in Erinnerung bleiben. LeBron James sagte: "Dieses Spiel wird in die Geschichte eingehen als eines der besten Spiele dieses Sports." Große Worte, gerade groß genug.

Sie mussten dafür arbeiten

"Irgendwas war faul. Wir konnten einfachen nicht davonziehen", wunderte sich James, "sie haben ständig unseren Spielplan zerstört. Und sie haben das Beste aus uns herausgeholt." Die 18.000 Zuschauer in der Wukesong-Arena kamen in der Tat nicht aus dem Staunen heraus. Trotz eines perfekten Auftakts der Spanier eroberten sich die USA im ersten Viertel vor allem dank Dwayne Wade allmählich die Führung zurück, und die Partie schien nun so zu laufen, wie die Amerikaner das bisher gewöhnt waren: mit einem stetig wachsenden Vorsprung.

Aber die Spanier hielten immer wieder dagegen: Der 17 Jahre alte Ricky Rubio zauberte als Aufbauspieler, Rudy Fernandez und Juan Carlos Navarro spielten und trafen wie in einem Rausch, unter dem Korb rackerte Pau Gasol, der erfolgreichste Schütze des Turniers. Acht Minuten vor Schluss waren sie dann dran: Beim Stand von 91:89 nahm der US-Coach dann doch mal eine Auszeit. Es war eine recht ruppige Angelegenheit, keine Spur vom so genannten körperlosen Spiel. Pau Gasol sagte später: "Okay, sie haben Gold geholt - aber sie mussten dafür arbeiten."

Den Lohn erhielten sie aus den Händen von Juan Antonio Samaranch: die Goldmedaille. Der alte Herr hatte viel zu tun: Zu drei Mannschaften mit je zwölf Hälsen musste er sich strecken - die Siegerehrung zog sich in die Länge. Ungeduldig und übermütig wie ein Rudel junger Pferde trippelten die US-Spieler vor dem Podest rum. "Wo bleibt bloß der alte Herr mit unserer Medaille? Wir haben verdammt lange darauf gewartet." So schien es in Sprechblasen über ihren Köpfen zu stehen. Als Samaranch dann endlich mit dem Gold kam, hakten sich alle Zwölf ein und stiegen so aufs Podest, wie sie auch gewonnen hatten: als Team.

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(sueddeutsche.de/jüsc)