Wie die Georgierin Nino Salukwadse und die Russin Natalja Paderina nach dem Schieß-Wettbewerb auf dem Siegerpodest die Olympische Charta mit Leben erfüllen.
Weltweit, sagt die Olympische Charta, sollen die Spiele Waffenruhe schaffen. Stattdessen begann während der Eröffnungsfeier am Freitag ein Krieg. Nun wollte es eine bizarre Dramaturgie, dass der anrührendste Moment des Wochenendes ausgerechnet an einem Schießstand zu erleben war: Im Hintergrund Zielscheiben, auf dem Podium die Pistolen-Schützinnen. Langsam, aufreizend langsam, ziehen die Flaggen unters Hallendach: Chinas rote Fahne, links davon die russische, rechts die weiße mit dem roten Kreuz Georgiens. Kaum ist die chinesische Hymne verklungen, klettert die Georgierin Nino Salukwadse über die Goldstufe der Siegerin Guo Wenju hinweg zu Natalja Paderina und umarmt die Russin. Die beiden tauschen Küsse aus.
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Im Sport vereint: Die Georgierin Nino Salukwadse (re.) und die Russin Natalia Paderina. (© Foto: AP)
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Es ist die deutlichste politische Botschaft, die man sich denken kann bei den Olympischen Spielen - dargeboten an der exponiertesten Stelle, die es gibt: auf dem Siegerpodest, vor all den Kameras, die die Botschaft um die Welt schicken werden. Die Georgierin und die Russin haben trotzdem keine Intervention des IOC zu befürchten. IOC-Sprecherin Emmanuelle Moreau lobte den Auftritt sogar als "perfektes Beispiel, wie man Menschen zusammen bringt". Dabei hat das Internationale Olympische Komitee vor diesen Spielen eigens Richtlinien erlassen und jede politische Geste ausdrücklich verboten, so penibel, dass sogar Armbändchen mit der Aufschrift "Für eine friedliche Welt" untersagt wurden. Nun hat die Wirklichkeit das olympische Traumgespinst mit seinen wohlfeilen Regeln einfach ausgelöscht.
"Die Politik muss vom Sport lernen"
Russen und Georgier schießen in Südossetien aufeinander, Tausende Menschen sterben im Kaukasus - und natürlich dürfen diese beiden Frauen, deren Nationen im Krieg sind, hier demonstrativ für eine friedliche Welt stehen: Nino Salukwadse, 39, Psychologin aus Tiflis, und Natalja Paderina, 33, Soldatin aus Jekaterinenburg. "Sport ist Freundschaft", sagt die Georgierin wenig später in der Pressekonferenz, "das muss die Politik vom Sport endlich lernen. Wann, wenn nicht jetzt? Wir sind im 21.Jahrhundert!"
Es ist die letzte all der enormen Anstrengungen für Salukwadse an einem unglaublichen Tag. Wie oft in einem Menschenleben fällt größtes Glück mit größtem Unglück zusammen? Alle Konzentration hat sie in den Luftpistolen-Wettbewerb gelegt, mit der Waffe, die ihr schon vor 20 Jahren einmal olympisches Silber eintrug. Das war 1988 in Seoul - ein Lorbeerkranz mehr für die Sowjetunion, die der Genossin Salukwadse dafür einen vaterländischen Verdienstorden verlieh, kurz bevor sie unterging. Im Jahr 1993 erhielt Salukwadse dann das Ehrenabzeichen ihrer Heimat Georgien. Und nun schlagen diese Länder, die sie mehr als jeder andere Mensch bei den Spielen verkörpert, aufeinander ein.
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