Von Christian Zaschke

Die olympische Fackel kommt in Peking an. Natürlich darf nichts schiefgehen, nicht an diesem Ort, der so wichtig ist für Chinas jüngere Geschichte.

Es ist kurz nach sechs am Mittwochmorgen, der Platz des Himmlischen Friedens ist noch fast leer, aber in den Seitenstraßen warten Tausende Menschen. In etwas mehr als zwei Stunden wird das olympische Feuer Peking erreichen, am Ende einer ereignisreichen Reise, die am 24. März in Griechenland begann. Aus der Verbotenen Stadt wird es durch das Tor des Himmlischen Friedens hinaus auf den Platz getragen. Viele der Menschen in den Seitenstraßen singen, sie sind schon eine Weile da, sie warten. Sie wollen auf den Platz, um das Feuer zu begrüßen; sie dürfen auf den Platz, sie sind ausgesucht.

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Ein ausgewähltes Publikum bejubelte den Fackellauf in Peking. (© Foto: rtr)

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Natürlich darf nichts schiefgehen, nicht an diesem Ort, der so wichtig ist für Chinas jüngere Geschichte. 1919: große Studentendemonstration. 1949: Mao ruft die Volksrepublik China aus. 1976: Demonstration gegen Maos Kulturpolitik. Und natürlich 1989, das Jahr, in dem die Studentenbewegung auch andere Teile der Bevölkerung erfasste und der Platz wochenlang besetzt war; die Armee marschierte ein und beendete die Proteste blutig. Und nun die Fackel. So viel rund um diese Spiele ist Symbol, und dies ist eines der stärksten: Das olympische Feuer erreicht den wichtigsten Platz des Landes unter dem Jubel der Menschen.

Es ist jetzt 6.30 Uhr, die Menschen, die später jubeln sollen, werden allmählich auf den Platz geführt. In Gruppen, es gibt Frauengruppen und Männergruppen und gemischte Gruppen, alle sind heiter, fast aufgekratzt wie Kinder. Sie üben die Schlachtrufe, meistens: "Auf geht's Olympia, auf geht's China". Jeder Gruppe geht eine Person voran, alles ist geordnet, eine Gruppe kommt nach der anderen, ein Aufmarsch. Allerdings ein sehr bunter Aufmarsch. Der Gruppe in Rosa folgt die Gruppe in Türkis, dann ist da die weiße Gruppe, die der cremefarbenen Gruppe durchaus ähnelt. Dazwischen immer wieder gelbe Gruppen.

Die Gelben tragen nicht Gewänder wie die anderen, sondern T-Shirts mit der Aufschrift: "Anfeuerung von den Arbeitern von Peking". Direkt am Tor haben sich mittlerweile Gruppen in den traditionellen Trachten der verschiedenen Regionen Chinas aufgestellt und beginnen zu tanzen. Vor dem Tor verläuft ein Wassergraben, den fünf Marmorbrücken queren. Dann die breite Straße, auf der immer noch Busse vorüberfahren dürfen. Es ist noch Zeit, bis die Fackel kommt.

In den Tagen zuvor war die Flamme in Sichuan unterwegs gewesen, der Provinz, in der durch das Erdbeben vom 12.Mai 70000 Menschen ihr Leben verloren hatten. In der Provinzhauptstadt Chengdu wurde sie am Dienstag durch ein Industriegebiet getragen, offenbar, weil man auf der zunächst geplanten Route Proteste von Tibetern befürchtete. Routenänderungen sind ja nichts Neues bei diesem Fackellauf, in London gab es Proteste, in Paris, in San Francisco, immer wurden die Routen geändert oder verkürzt oder beides, aber hier, auf dem Platz des Himmlischen Friedens, im Herzen von Peking, wird es keine Proteste geben. Dafür ist gesorgt.

Es ist sieben Uhr mittlerweile. Auf der anderen Seite der Straße, gegenüber dem Tor, haben sich schon wieder neue Gruppen aufgestellt, prächtig kostümierte Trommler, außerdem grün gekleidete Artisten mit grünen Regenschirmen, dazu eine riesige Gruppe in Rot, die Fahnen von China schwenkt und von Coca-Cola. Ist doch allzu praktisch, mögen sie beim Brausekonzern gedacht haben, dass unsere Farbe ebenfalls Rot ist. So hat der Sponsor sich zum Teil des symbolischen Moments gemacht, und auch das ist ja ein Symbol. Es sind jetzt viele Menschen auf dem Platz, Tausende Menschen, aber voll ist er deshalb noch lange nicht.

Der Platz des Himmlischen Friedens gilt als größter innerstädtischer Platz der Welt. Voll war der Platz im Frühjahr 1989; zunächst während der Demonstrationen, die fast täglich stattfanden, dann während der Dauerbesetzung von Mitte Mai an. Nach dem 4. Juli war er wieder leer. Soldaten rückten mit Panzern an, sie schossen scharf. Zwischen 500 und 3000 Menschen starben, genaue offizielle Zahlen gibt es nicht. Als Tiananmen-Massaker ging der brutale Eingriff der Armee in die Geschichte ein; Tiananmen ist der chinesische Name des Platzes. Als später im selben Jahr in der DDR so viele Menschen demonstrierten, war die allgemeine Befürchtung, das Politbüro könnte die Sache "chinesisch" lösen. Mit Panzern.

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