Verblüffende sportliche Leistungen, eine perfekte Organisation, vollbesetzte Stadien: Peking hat der Welt ein China-Bild gezeigt, das die Wirklichkeit im Innern ausblendet.
Diese Olympischen Spiele glichen einem Tanz auf dem Vulkan. Auf Tanz legten die Chinesen großen Wert, der Exotismus der Eröffnungsfeier mit viel orientalischem Schnickschnack kam im Ausland sehr gut an. Auch alles andere lief nach Plan: Verblüffende sportliche Leistungen, eine perfekte Organisation, moderne, vollbesetzte Stadien und ein olympisches Dorf, das die Athleten begeisterte. Irgendwo und irgendwann hatte zwar jeder mal davon gehört, dass es in China gewisse Probleme gibt, aber davon wollte sich innerhalb des Olympiadorfes niemand den Spaß verderben lassen.
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Der chinesische Staatspräsident Hu Jintao bei der Schlussfeier. (© Foto: rtr)
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Soweit der Tanz. Der Vulkan, von dem auch die Rede sein muss, blieb während der Spiele weitgehend ruhig. Das leise Rumoren an seiner Basis, in Tibet und Xinjiang etwa, war oben kaum zu hören. So ist das mit Vulkanen. Man kann direkt auf dem Gipfel stehen und in den Krater hineinglotzen, und trotzdem wirkt alles ganz friedlich. Lächelten sie nicht alle sehr freundlich, diese Chinesen? Kaum einer der Besucher sprach Chinesisch, aber dass die Pekinger warmherzige, gastfreundliche Menschen sind, das empfanden viele so.
Die meisten Sportreporter begnügten sich mit der Suche nach dem Positiven. Und damit sind nicht die Doping-Proben gemeint. Die Veranstalter hatten - ein Novum bei Olympischen Spielen - einen hohen Zaun um das olympische Grün gezogen. In die Stadien karrte das Regime nur Jubler, von den Nachbarschaftskomitees sorgsam ausgewählt. Noch nie sind Olympische Spiele so künstlich inszeniert worden wie in Peking: falsche Tibeter bei der Eröffnungsfeier, falsche Zuschauer, falsche Protestzonen, und vermutlich viele falsche Rekorde. Muskelspiele sah die Welt, bei denen um ein Haar mehr Pferde als Menschen des Dopings überführt worden wären. Und die sogenannten "Freiwilligen", die Helfer, entpuppten sich oft als Beamte der Staatssicherheit oder pensionierte Polizisten.
Die Pekinger Bürger mussten draußen bleiben, vor dem Zaun, durften nur im Fernsehen stolz ihre Nationalflagge bewundern, wieder und wieder, weil China die meisten Goldmedaillen abräumte - exakt 51, eine mehr als geplant. Diese Spiele waren so synthetisch wie der Süßstoff im Kaffee ihres Sponsors McDonald's, ein Disneyland mit fünf Ringen.
Trotzdem haben diese Spiele viele Menschen glücklich gemacht. Viele haben bekommen, was sie wollten: die Sportler ihre Medaillen, die Immobilienspekulanten ihre Profite, die Sponsoren ihre Werbung im Markt der Märkte, das IOC seine Milliarden, das Fernsehen seine Einschaltquoten, die kommunistischen Kader ihre Orgie des Nationalismus, ihr selbstgewähltes Opium für das Volk. Mit dem IOC und der Volksrepublik China haben sich zwei Partner mal so richtig gefunden. Nur den Spaß, der beim Ereignis aufkommen sollte, haben sie nicht organisieren können. Er blieb aus, seltsam ruhig ging es zu in der Olympiastadt. Es wurde kaum gefeiert, Begegnungen zwischen Chinesen und Ausländern blieben Ausnahmen.
Chinas Militär verstand von Anfang an keinen Spaß: Tibets Mönche wurden schon vor Monaten niedergeknüppelt, auch Demonstranten auf den Straßen Lhasas erschossen. Während der Spiele drohte die Polizei in Tibets Dörfern jedem mit standrechtlicher Erschießung, der es gewagt hätte, sein Maul aufzureißen. Den Uiguren in Xinjiang erging es ähnlich. Dutzende Dissidenten sind vor den Spielen eingesperrt worden. Es herrschte Friedhofsruhe.
Wem das egal war, der konnte unbeschwert mitfeiern. Repression aber, das lehrt die Geschichte, kann immer nur vorübergehend Ruhe schaffen. Während der Spiele ist das Murren der Landbevölkerung Chinas lauter geworden. Die Inflation macht den Bauern schwer zu schaffen. In den Städten mehren sich die Anzeichen, dass die Baubonanza, deren unrühmlicher Höhepunkt die olympische Zubetonierung Pekings war, nun bald zu Ende gehen könnte. Der Vulkan schläft. Aber im Innern brodelt es, und der Berg kann jederzeit explodieren.
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(SZ vom 25.08.2008/jüsc)
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