Von Ronny Blaschke

Seit Jahrzehnten umgibt die Olympischen Spiele eine Faszination des Exotischen. Diesmal kommen sie aus Tuvalu und von den Marshallinseln.

Das Foto in der New York Times zeigt einen Mann, der entschlossen blickt und kraftvoll zutritt. "Debüt auf der Weltbühne", titelt die Zeitung. Die Rede ist von Anju Jason, 20, aus der Kampfsportart Taekwondo, einem der vielen Athleten, die während Olympia ins Rampenlicht vorstoßen könnten. Jasons Heimat, die Marshallinseln, feiert olympische Premiere, ebenso wie Tuvalu. Für die Inselstaaten aus dem Pazifik findet in Peking das erste Treffen mit der Weltöffentlichkeit statt.

Bild vergrößern

Unvergessen: Eric Moussambani. (© Foto: dpa)

Anzeige

Seit Jahrzehnten umgibt die Olympischen Spiele eine Faszination des Exotischen. Unvergessen bleibt Eric Moussambani, besser bekannt als Eric, der Aal. Der Schwimmer aus Äquatorialguinea war 2000 in Sydney über 100 Meter Freistil eine Minute langsamer als der Sieger, mit letzter Kraft rettete er sich ins Ziel. Auch Michael Edwards, bekannt  als Eddie the Eagle, verewigte sich in der Geschichte - 1988 in Calgary, als erster britischer Skispringer bei Winterspielen. In diesen Wochen könnte diese Rolle Anju Jason zukommen.

Er ist der einzige Sportler aus seiner Heimat, der sich für die Spiele qualifiziert hat, im Dezember 2007 bei einem Turnier in Neukaledonien. Seine vier Teamkollegen erhielten vom Internationalen Olympischen Komitee eine Freikarte. Das IOC fördert die Teilnahme von kleineren Staaten und wehrt sich gegen Vorwürfe, wonach der Olympiatourismus das Teilnehmerfeld künstlich aufblase, inzwischen auf 11.000 Athleten. 205 Mitgliedsstaaten gehören dem IOC an, die Vereinten Nationen (UN) erkennen nur 192 Nationen an.

Das IOC betrachtet die politische Eigenständigkeit der Teilnehmer nicht als zwingend notwendig, daher können Sportler aus Kolonien oder autonomen Regionen getrennt von ihren Mutterländern mitmachen, zum Beispiel Hongkong, Sonderverwaltungszone Chinas, oder Bermuda, britisches Überseegebiet im Atlantik.

Vom Untergang bedroht

Das Nationale Olympische Komitee der Marshallinseln wurde 2001 gegründet, aber erst 2006 im IOC verankert, als dessen 203. Mitglied. Die obersten Olympier ermöglichten finanzielle Hilfe und Stipendien, doch für ein gehobenes sportliches Niveau reicht das nicht. Es gibt kaum Fitnessstudios oder Sportplätze, die wenigen Laufstrecken sind aus Gras.

Nationale Meisterschaften sind eine Seltenheit für den Staat, der aus 1150 kleinen Inseln besteht; die besten Athleten sind längst ausgewandert. Anju Jason zog mit sechs nach Hawaii, wo er den größten Teil seines bisherigen Lebens verbrachte. "Das Wichtigste ist für uns, dass wir der Welt zeigen können, dass wir überhaupt existieren", sagte er der New York Times.

Die einzige Berühmtheit, die Jasons Heimat erreicht hatte, war trauriger Art. Bei Atomwaffentests der USA im Pazifik sind die Bewohner bis zu den sechziger Jahren gefährlicher Strahlung ausgesetzt worden. Dass die Nation auch andere Seiten zu bieten hat, will Anju Jason in Peking beweisen.

Olympia hat oft auch die Bedeutung eines Geografiekurses. Spätestens bei der Eröffnungsfeier werden Millionen Menschen erfahren, dass es ein Land mit dem Namen Tuvalu gibt, den zweiten Debütanten der Spiele, nördlich von Neuseeland gelegen. Mit einer Größe von 26 Quadratkilometern ist Tuvalu der viertkleinste Staat der Welt.

Vielleicht werden die drei Sportler, die Gewichtheberin Logona Esau und die Leichtathleten Asenate Manoa und Okilai Tinilau, ein bisschen über ihren Regierungssitz reden, das Dorf Vaiaku, oder über ihr acht Kilometer langes Straßennetz. Viele Gelegenheiten könnte es nicht mehr geben. Der höchste Punkt Tuvalus liegt fünf Meter über dem Meeresspiegel. Die Inseln sind vom Untergang bedroht. Buchstäblich.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(SZ vom 7.8.2008/jüsc)