Von Jürgen Schmieder

Seit zwei Jahren bereitet Cai Guoqiang das Feuerwerk der Eröffnungsfeier vor. Er muss die Balance finden zwischen Propaganda und Kunst.

Cai Guoqiang spricht leise, man versteht ihn kaum. Von einem Mann, dessen Beruf es ist, für Explosionen zu sorgen, erwartet man eine kräftige Stimme - aber Guoqiang flüstert. "Ich liebe die Freisetzung der Energie", sagt er und schiebt ein noch leiseres "Pow" hinterher. Der 51-jährige Künstler steht an der Spitze eines Teams von 600 Mitarbeitern - seine Aufgabe ist das gigantische Feuerwerk als Höhepunkt der Eröffnungsfeier.

So sah das Stadion in Peking bei der Generalprobe aus. (© Foto: rtr)

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"Die Eröffnungsfeier ist das größte Kunstwerk, das ich je geschaffen habe", sagt er. "Aber es wird nicht unbedingt das beste." Sein Anspruch ist hoch. Cai Guoqiang gilt als einer der bedeutendsten chinesischen Künstler der Gegenwart. Dabei war seine Kunst bis vor wenigen Jahren in seiner Heimat eher verpönt als anerkannt. Feuerwerk musste laut sein, es musste krachen, es musste hell leuchten. Verspielte Formationen galten als, nun ja, Kinderkram.

Seit zwei Jahren bereitet Cai Guoqiang das Feuerwerk vor. "Wir wollen die Welt überraschen", sagt er, was so viel Information beianhaltet wie die Aussage von IOC-Präsident Jaques Rogge, dass es die besten Spiele aller Zeiten werden. Es sei eben ein strenggehütetes Geheimnis, wie das Feuerwerk aussehen wird. Er verrät immerhin, dass es um Frieden, Glück und das freudige Lachen der Menschen geht - "eine Interaktion zwischen Himmel und Erde". Auch werden die fünf olympischen Ringe an den Himmel über Peking gezaubert. Aha.

Die Dimensionen des Feuerwerks sollen alle bisher dagewesenen Feuerwerke in den Schatten stellen. Vom Yongdingmen-Stadttor im Süden beim Himmelstempel wird das Feuerwerk auf der Zentralachse der Hauptstadt in Stufen bis zum Nationalstadion nach Norden hochgehen, um weite Teile der Millionen-Metropole einzubeziehen.

"Jeder in der Stadt soll die Chance haben, dabei zu sein"

Für Cai Guoqiang beudetete die Arbeit an der Eröffnungsfeier eine Heimkehr. Nach seinem Studium in Shanghai ging er 1985 nach Japan, er lebt seit 1995 in New York. Er ist der einzige chinesische Künstler, dem das Guggenheim-Museum in New York bisher eine Einzelausstellung gewidmet hat. Um die Mitarbeit an der Eröffnungsfeier wurde er nicht gebeten, er hat sich beworben. "Olympia war eine großartige Chance, nach China zurückzukehren", sagt er, der vom Organisationkommitee in den siebenköpfigen Zirkel um den chinesischen Starregisseur Zhang Yimou berufen wurde.

Cai Guoqiangs Berufung zum obersten Olympia-Feuerwerker ist auch ein Zeichen, wie sich das Milliardenreich wandelt. Bis 2001 durfte Cai Guoqiang seine Werke nicht einmal in China ausstellen. Die Hüter der chinesischen Kultur taten sich schwer mit moderner Kunst und verspielten Feuerwerken. "Aber China hat sich gewandelt, akzeptiert neue Konzepte und Ideen." Diesen Satz hört man derzeit oft aus Peking, so eben auch von Guoqiang.

China stehe an einem Wendepunkt, es sei eine hoch komplizierten Entwicklungsphase. "Sie haben sich verändert, ich habe mich auch verändert", sagt Guoqiang. "Ich bin älter geworden und bereit, für mein Land zu arbeiten." Nicht erst seit der Kritik seines Künstlerkollegen Ai Weiwei, der das Nationalstadion ("Vogelnest") mit entworfen hat, aber an der "Propagandashow" um Olympia nicht teilnehmen will, ist sich Cai Guoqiang seines heiklen Auftrags bewusst. "Es ist schwer, aus einer Eröffnung ein Kunstwerk zu machen, aber es ist leicht, zum Werkzeug der Propaganda des Staates zu werden", sagt Guoqiang über seinen Balanceakt.

"Vielleicht haben wir zwei Jahre daran gearbeitet, aber am Ende ist es immer noch keine Kunst", quält Guoqiang die Ungewissheit. Es ist schwierig, aber lass es uns versuchen." Auch diesen Satz hört man derzeit sehr oft in Peking.

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(sueddeutsche.de/aum)