Viertelfinale verpasst: Die deutschen Basketballer unterlagen in einem spannenden Spiel Gastgeber China. Ausgerechnet der Kapitän vergab die letzte Ausgleichschance.
Der olympische Terminkalender ist ein unberechenbares Wesen. Würfelt die Großereignisse zusammen, wie es ihm gerade passt, einfach so. Samstagabend zum Beispiel: Dass um halb elf die schnellsten Männer der Welt gegeneinander rennen würden, war schon länger klar. Dass sich zur selben Zeit mit den USA und Spanien die zwei weltbesten Basketballteams gegenüberstehen würden, hatte sich erst vor ein paar Tagen entschieden. Und vor diese beiden sportlichen Hochgenüsse hatte der Terminplan noch ein weiteres Schmankerl gesetzt: die wohl entscheidende Partie um den Einzug ins Viertelfinale des olympischen Basketballturniers, Deutschland gegen China, Nowitzki gegen Yao Ming. Was für ein Abend! Der Hallen-DJ lässt kurz vor Anpfiff Robbie Wiliams ran: "Let me entertain you!" Aber gerne doch!
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Vom Wurfglück verlassen war Dirk Nowitzki (links) und sein Team in der Partie gegen China. (© Foto: dpa)
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Zu Beginn ist es ein Spiel der Alphatiere. Nationalheld Yao Ming macht nach ein paar Sekunden gleich mal den ersten Zweier gegen Kaman, und zwar so problemlos und selbstverständlich, als stände ihm da nicht ein 2,13 Meter hoher Klotz im Weg, sondern eher ein schmalbrüstiger Aufbauspieler. Der Chinese ist 13 Zentimeter länger als der deutsche Centerspieler. Der versucht im nächsten Angriff gleich zu kontern, doch sein Wurf bleibt am Ring hängen. NBA-Kollege Yao Ming legt nach und trifft im nächsten Duell mit Kaman erneut genauso mühelos - deutlicher kann man Überlegenheit unter dem Korb nicht demonstrieren.
Da wollte Dirk Nowitzki dann auch nicht länger nachstehen: Trotz wildem Buhen der chinesischen Fans sitzt sein erster Wurf genauso wie der darauffolgende erste Dreier. 15 Punkte betrug sein Punkteschnitt bis dahin - keine nennenswerte Zahl für seine Verhältnisse. Er wusste, dass er in diesem wichtigen Spiel eine bedeutendere Rolle spielen musste als zuletzt. Doch auch ihm unterlaufen nun einige Ballverluste, die Fehlverluste häufen sich auf beiden Seiten. Nach acht Minuten steht es erst 8:7. Wie groß der Druck und die Anspannung bei den Spielern ist, wird bei Wysockis Dreier-Versuch deutlich: Obwohl er komplett freie Wurfbahn hat, unterläuft ihm ein Airball.
Zum ersten Mal in diesem Turnier suchen die Chinesen Yao Ming so konsequent. In den bisherigen Partien hatten seine Nebenleute von der Konzentration des Gegners auf den langen Center profitiert. 18 Punkte hatte der bisher im Schnitt markiert - auch kein überragender Wert. Mit Kapitän Patrick Femerling bekommt er nun einen neuen Gegenspieler. Der hat nur elf Zentimeter Nachteil.
Ausscheiden oder Viertelfinale?
Nach ein paar strittigen Schiedsrichterentscheidungen entgleitet den Deutschen das Spiel, China zieht auf 14:7 weg, der DJ spielt "We will rock you!" Genauso sieht es aus. Femerling fällt um, Yao Ming trifft, 16:7. Zur Viertelpause steht es 19:9. Ohrenbetäubender Lärm in der Halle. War's das schon mit dem Viertelfinale? Neun Punkte nur in zehn Minuten. Das sieht nicht gut aus.
Zum zweiten Viertel kommt Aufbauspieler Pascal Roller ins Team - und trifft zwei Dreier in schneller Folge. Der Anschluss ist geschafft. Bei 19:20 ist die Truppe von Coach Bauermann endültig wieder dran. Yao Ming versucht dagegen zu halten, wagt einen Dreier - und trifft. In seiner sechsjährigen NBA-Karriere ist ihm erst ein einziger Dreier gelungen. Er hat erkannt, dass Spiel kippt, dass er ein Zeichen setzen muss. Doch Team Germany ist ins Rollen gekommen, zwei schnelle Versuche von Hamann bescheren bei 27:25 erstmals wieder eine Führung. Das zweite Viertel gewinnen Nowitzki & Co. mit 22:8, zur Halbzeit heißt es 31:27. Ein wahres Wechselbad. Fast wie ein paar Stunden zuvor bei den Handballern, die nun in Mannschaftsstärke ein paar Meter weiter auf der Tribüne sitzen und ihre Landsleute anfeuern. Sie hatten gegen Russland unentschieden gespielt. Das wird den Basketballern jedenfalls nicht passieren. Die nächsten 20 Minuten entscheiden über Ausscheiden oder Viertelfinale.
Das Fehlwurf-Festival aus dem ersten Viertel geht wieder los, vor allem von deutscher Seite aus. Nowitzki wirft eine Fahrkarte nach der anderen, China zieht davon, am Viertelende steht es 47:39. Dem deutschen Team gelingen gerade mal acht Punkte in Durchgang drei. Noch zehn Minuten Zeit. Ob das Spiel noch ein drittes Mal kippt?
Das Spiel der Alphatiere
Schon nach 20 Sekunden im Schlussviertel und dem ersten misslungenen Angriff muss Bundestrainer Bauermann die erste Auszeit nehmen. Auf seiner Stirn zeichnen sich die Adern ab, so sauer und angespannt ist er. Doch was er versucht: Es wird nicht besser. Erst als Nowitzki endlich wieder trifft, keimt so etwas wie Hoffnung auf. Es steht 54:46. Noch sechs Minuten.
Auf dem Bildschirm wird die Wurfquote der Deutschen eingeblendet: 26 Prozent. Unterirdisch. Als Roller trifft und Nowitzki sich gegen Yao Ming durchsetzt, springt die deutsche Bank auf wie von einem Bienenschwarm gestochen: 52:54, drei Minuten vor Schluss. Was für ein Krimi.
Jetzt ist es wieder das Spiel der Alphatiere: Yao Ming trifft, Nowitzki trifft, 56:55 für China, noch 90 Sekunden. Und dann trifft Ji, der zweite chinesische NBA-Spieler. 58:55, 28 Sekunden vor Schluss. Auszeit Deutschland. Ein Dreier muss her. Von Nowitzki wohl, von wem sonst? 18 Sekunden vor Schluss hüpft sein Wurf wieder aus dem Ring hinaus, Ming trifft auf der Gegenseite, und dann ist der Traum aus. China steht im Viertelfinale, Deutschland ist raus. Und hat jetzt Zeit, den olympischen Terminkalender zu studieren.
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(sueddeutsche.de/mb)
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