SZ: Es gab andere Probleme in Peking. Glauben Sie an die Geburtsdaten, die die Chinesen für ihre Turnmädchen angaben? Gelöschte Daten im Internet von früheren Wettkämpfen lassen vermuten, dass sie um zwei Jahre älter gemacht wurden, um bei Olympia starten und siegen zu dürfen.

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Rogge: Es gibt ein Fragezeichen bezüglich des Alters. Wir haben die Chinesen gedrängt, alles vorzulegen, Schulzeugnisse, Familienbücher, innerhalb von 24 Stunden aus Provinzen, die weit weg sind. Wir haben es dem Turnweltverband weitergeleitet, und der sagte, okay, wir haben keinen Grund zu zweifeln.

SZ: Dann waren also die älteren Daten falsch?

Rogge: Ich glaube, die Chinesen gaben auch dafür eine Erklärung, ich war aber nicht dabei. Es ist nun mal so: Wir brauchen Fakten. Wir müssen glauben, was uns Regierung und Verband sagen.

SZ: London und Sotschi, die Spieleorte 2012 und 2014, wurden regelrecht versteigert. In Sotschi gibt es keine Wintersporttradition, auch London hatte ein großes virtuelles Angebot - erwirbt künftig der Meistbietende die Spiele?

Rogge: Es gab auch früher virtuelle Bewerbungen, daraus wurden erfolgreiche Spiele. Sydney hatte bei der Bewerbung nur ein Cricket-Feld und ein altes Stadion. Aber wir glaubten an die Qualität der Australier, und sie schafften es. Lillehammer hatte nur ein Tal und die Berge. Die Kernfrage ist: Traust Du den Leuten, die die Spiele austragen? Ich persönlich bin nicht so glücklich mit virtuellen Bewerbungen. Ich bevorzuge etwas, das existiert. Andererseits sorgen virtuelle Bewerbungen für eine Konzentration der Spielstätten und bessere Nachhaltigkeit.

SZ: Dabei gibt es ein gewaltiges Risiko...

Rogge: ... ja, die Finanzen. Risiken durch politische Wechsel oder große Wirtschaftskrisen wie die aktuelle.

SZ: Bringt diese Weltfinanzkrise, wenn die Befürchtungen halbwegs eintreffen, nicht auch die Reißbrettspiele von London und Sotschi in enorme Schieflage?

Rogge: In Vancouver stehen die Gebäude schon, wir starten bald mit Testwettkämpfen. In London ist das Problem nicht sehr groß, es gibt eine Unterdeckung mit privaten Geldern bei der Gesellschaft, die das Olympiadorf baut. Die Regierung gibt 90 Millionen Pfund Darlehen, die Bauherren geben das Geld zurück, sobald die Appartements in East London verkauft sind. Das ist geregelt. Doch was morgen mit der Welt sein wird, weiß ich nicht, ich habe keine Kristallkugel.

SZ: Und Sotschi? Wann wird dort richtig gebaut?

Rogge: Sotschi ist eine besondere nationale Aufgabe der Regierung. Wir bekamen gerade von Wladimir Putin die Zusicherung, dass die Budgets stehen. Sotschi ist erst in sechs Jahren, es ist viel Zeit.

SZ: Fünf Jahre. Und den Oligarchen geht das Geld aus.

Rogge: Uns ist zugesichert, dass im Fall eines Defizits an Privatgeldern die Regierung einsteigt. Die hat klar gesagt: Russland ist die Nation mit den drittgrößten ausländischen Währungsreserven. Sie haben über 500 Milliarden Dollar Reserven und sind Ölproduzent.

SZ: Sie sagen, es käme auf Glaubwürdigkeit an. Holen deshalb nun die Staatschefs persönlich die Spiele in ihre Länder? Blair warb für London, Putin für Sotschi - 2009 will Obama die Spiele 2016 in seine Heimatstadt Chicago holen.

Rogge: Dass immer mehr Staatsoberhäupter zur Städtewahl kommen, ist ein Reflex auf die Bedeutung der Spiele.

SZ: Die europäischen Fernsehanstalten hatten für die Verhandlungen um die Senderechte 2014/16 Zeit bis Ende 2008. Die Verhandlungen um den US-Fernsehvertrag aber stellt das IOC zurück, bis nach der nächsten Städtekür im Herbst 2009. Hat Chicago dann die Spiele, fließt gewiss viel Geld. Wenn nicht, gibt es sicherlich deutlich weniger vom US-Fernsehen. Ist dieses Timing Kalkül?

Rogge: Nein. Wir begannen die TV-Verhandlungen mit Europa vor der Finanzkrise, am 1. September. Es gab Angebote, die dem wirtschaftlichen Klima seinerzeit angemessen waren. Wir führten auch Gespräche mit den US-Sendern, aber die steckten schon tief in der Krise. Und es sind ja nicht staatliche, sondern private Gesellschaften: NBC, CBS, ABC. Alle leben sie von der Werbung, und die Werbepreise brechen ein. Nun wollen wir nicht in einer Periode verhandeln, wo uns der Partner sagt, wir müssen gerade viele Leute entlassen, die Budgets kürzen. Da warten wir lieber. Es ist also keine politische Absicht dahinter. Letztlich wäre es für das IOC besser, wenn die TV-Rechte vor der Städtewahl vergeben sind - was in guten Wirtschaftszeiten möglich ist. Aber jetzt wäre es töricht, zu verhandeln.

SZ: Auch in Europa, wo das IOC die Offerte des öffentlich-rechtlichen Verbundes EBU abgelehnt hat, läuft es auf die Privaten hinaus. Haben die hier nicht dieselben Probleme wie ihre US-Kollegen?

Rogge: Für die europäischen Rechte gab es eine Ausschreibung. Sie erbrachte ordentliche Offerten der staatlichen Bewerber, aber die Privaten boten mehr. Wir fragten sie dann, ob ihre Zahlen von September noch gelten, die Antwort war Ja. Also werden wir abschließen, denn diese Firmen haben uns gesagt, sie sind bereit, für 2014/2016 zu unterschreiben. Die Amerikaner waren nicht so weit.

SZ: Die EBU droht schon mit weniger Sportübertragungen. Keine Angst, dass mehr Geld fürs IOC auch bedeuten kann, dass kleinere und Randsportarten vom Bildschirm verschwinden?

Rogge: 94 Prozent unserer Einnahmen gehen an den Sport. Gleich nach Peking haben wir 296 Millionen Dollar an die internationalen Verbände überwiesen. Unter den 35 olympischen Verbänden sind 25 oder 26, die exklusiv von den TV-Geldern des IOC leben. Ich sprach gerade mit drei Weltverbandspräsidenten, in deren Budgets der Finanzbeitrag des IOC 80 Prozent ausmacht. Sie sagten mir: Jacques, bitte bring uns einen guten Vertrag, wir brauchen ihn. Und ich sage auch, wenn Europas staatliche Sender kein Geld in der Größenordnung von 600 bis 650 Millionen für Olympia ausgeben wollen, können sie es ja in andere Sportarten stecken. Diese Sender brauchen Sport. Sie kommen bestimmt zurück zu den Verbänden, da habe ich keine Zweifel.

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(SZ vom 31.12.2008/mikö)