Von Thomas Kistner

Offenbar ist das IOC in Peking nur noch bedingt Herr der Spiele. Jetzt wurde auch die Fackel zum Fanal für das Krisenmanagement von IOC-Chef Jacques Rogge.

Die Flamme ist da, uff. Wobei, anders als bei den Jubelbildern des chinesischen Fernsehens, noch die vorletzte Station dieses unseligen Fackellaufs im Zeichen Tibets stand: In der Provinzkapitale Chengdu wurde die Route verändert und ein historisches Stadtviertel weiträumig umkurvt, in dem im März Tibeter protestiert hatten. Stattdessen wackelte die Fackel mal wieder unterm üblichen strengen Polizeischutz durch ein ödes Industrieviertel, die Behörden erläuterten den überraschenden Vorgang mit zu heftigem Innenstadtverkehr. Jetzt ist sie also in Peking, doch mancher Olympier will gar nicht mehr hinschauen. Zwar sind einige Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) immer noch wild darauf, persönlich in diese olympische Geschichtsposse einzugehen, am Mittwoch wollen die Sportkameraden ihre gutes Stück einige hundert Meter weit durch die Mehlstaubkulisse der Pekinger Straßen befördern. Zugleich ist die Fackel ein brennendes Ärgernis im Ringe-Zirkel; was sich seit dem Spießrutenlauf im Frühjahr aufgestaut hatte, entlud sich bei der 120. Session hinter verschlossenen Saaltüren. Die Fackel wurde auch zum Fanal für das Krisenmanagement von IOC-Chef Jacques Rogge.

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Folklore fürs Volk: Das olympische Feuer wird auf seinem Weg durch die vom Erdbeben erschütterte Stadt Chengdu gefeiert. (© Foto: Getty)

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Die schärfsten Worte fand der Kanadier Richard Pound. Der vormalige Chef der Welt-Antidopingagentur Wada bilanzierte: "Der internationale Teil des Fackellaufs war ein Desaster, wir sind dem Ganzen nur mit Mühe und Not entkommen." Pound rief Rogge eine schmerzliche und für das IOC insgesamt peinliche Erfahrung ins Gedächtnis - "Sie, Herr Präsident, haben vor Monaten hier eingestanden, dass wir eine veritable Krise haben" - und sprach unverblümt aus, dass diese Krise letztlich nur durch ein unendlich größeres Unglück abgewendet worden sei: "Nur das Erdbeben in China hat uns vor einem Desaster gerettet."

Die Fenster schließen sich

In der Tat hatte sich damals, nach den Erdstößen in der Provinz Sichuan, die fast 70.000 Todesopfer forderten, die öffentliche Wahrnehmung Chinas dramatisch gedreht. Wobei die von der Pekinger Zentralregierung und dem Organisationskomitee Bocog angeheuerten internationalen Krisenberater ihren Teil beitrugen und geschickt vom Thema Olympia auf das Erdbeben umschalteten. Hier ließ sich, mit einer befristeten Öffnungspolitik für die Medien, eine Befreiungsstrategie lancieren.

Doch war es mit der Offenheit bald vorbei, als immer mehr verzweifelte Eltern, die ihre Kinder in den Trümmern zusammengebrochener Schulen verloren hatten, über Mängel in der Bausubstanz zu klagen begannen. Flott schloss Peking die Fenster in die Welt wieder zu, so, wie am Dienstag die chinesischen Internetseiten der BBC. Das IOC hat auch in der Frage resigniert: "Wendet euch an das Bocog", beschied Sprecherin Giselle Davies.

Was in der Nussschale das Kernproblem zeigt, mit dem sich die Ringe-Herren konfrontiert sehen: Sie haben sich mit ihrer stillen Diplomatie verhoben, nach monatelanger Beschwichtigungspolitik gegenüber den KP-Mandarinen sind sie nicht mehr uneingeschränkt Herr über ihre Besitztümer. Hein Verbruggen, Chef der olympischen Koordinierungskommission und IOC-Vizepräsident, versetzte die erlauchten Mitglieder vermittels einer kleinen Grundsatzrede gar in keimende Alarmstimmung. "Wir müssen alles im Umfeld des Veranstalters sehen", empfahl der Niederländer im Peking-Hotel, er hatte gerade wieder eine der zähen täglichen Sitzungen mit den Veranstaltern von Bocog hinter sich gebracht. Verbruggen rief dazu auf, das IOC solle sich seine Spiele zurückholen, was sich konkret so anhörte: "Wir müssen in Zukunft den Organisationskomitees all die Bereiche entziehen, die kritisch für das Image des IOC und der Olympischen Bewegung sind."

Das Lächeln der Bewacher

Zurück zum Sport, eine Forderung, die sich nur vor der Vergabe von Olympischen Spielen durchsetzen lässt. Mit einer Wirtschaftsgroßmacht wie China lässt sich nicht mehr über Details verhandeln, wenn erst einmal die Tinte auf dem Ausrichtervertrag getrocknet ist. Da darf umgekehrt schon eine Forderung als Erfolg gefeiert werden, die der stets ums positive Gesamtbild besorgte Marketingchef Gerhard Heiberg jetzt bei Chinas militärischen Helfern in der Stadt durchsetzte: Sie versehen ihren Wege- und Objektschutz zwar immer noch total reglos, doch seit zwei Tagen immerhin mit einem gefrorenen Lächeln statt mit den grimmen Mienen, die die Olympier vergangene Woche empfangen hatten.

Peking rüstet für den Anpfiff, dem IOC eröffnet sich dann ein weiteres Problemfeld. Die Luftverschmutzung in der Stadt muss trotz zweier hochtourig laufenden Sauerstoffkanonen von den Mediziner täglich neu erörtert werden, wobei die IOC-Leute unter dem Schweden Arne Ljungvist immerhin mitreden dürfen, ob sich an bestimmten Tagen doch eher keine Freiluftertüchtigung empfiehlt für gesunde Athleten, die es gern bleiben wollen.

Dass die IOC-Aufpasser dabei auf die Daten der lokalen Wettermesser zurückgreifen, ist mäßig vertrauenserweckend, die Behörden hatten zuletzt manche Station umgehend dichtgemacht, wenn sie niederschmetternde Resultate ermittelt hatte. Ljungvist hatte indes auch Trost parat: "Die Athleten und wir alle sind ja nur Kurzzeitbesucher." Atemprobleme seien zu erwarten, aber nicht von Dauer. Womit auch hier das umwölkende Thema dieser Spiele gesetzt ist, dicke Luft.

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(SZ vom 06.08.2008/mb)