Von Thomas Hahn

Die russische Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa lässt mit 5,05 Metern die Konkurrenz weiter unter sich und erzielt den dritten Leichtathletik-Weltrekord in Peking.

Der Weltrekord interessierte die Stabhochspringerin Jennifer Stuczynski aus den USA nicht. Denn erstens bedeuteten diese 5,05 Meter, die Jelena Isinbajewa im dritten Versuch überquert hatte, nur wieder, dass alle über die Russin reden würden und nicht über sie, die mit 4,80 Metern immerhin Silber gewonnen hatte. Zweitens war dieser Weltrekord auch ein bisschen peinlich für sie, denn früher im Jahr war ihr eine etwas sehr deutliche Kampfansage an die Akkordweltrekordlerin unterlaufen.

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5,05 Meter hoch: Jelena Isinbajewa gewinnt das Stabhochspringen in Peking. (© Foto: AFP)

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Sie wolle bei Olympia, "ein bisschen in russische Hintern treten", hatte sie gesagt. Sie konnte ja nicht ahnen, dass Isinbajewa damals das Ende einer ausgedehnten Freiluftweltrekord-Pause plante und wenig später in Rom ihre eigene drei Jahre alte Bestmarke von 5,01 auf 5,03 Meter verbessern würde.

Zwei weitere Weltrekorde später hat Jennifer Stuczynski nun endgültig einsehen müssen, dass Jelena Isinbajewas russischer Hintern ein Stockwerk zu hoch fliegt, um ein bisschen in ihn hineinzutreten. Und Jelena Isinbajewa gefällt es sehr, bei Erfolgen dieses Zitat immer wieder hervorzuholen, um die Amerikanerin mit ihrer niedlichen Besthöhe von 4,92 Meter bloßzustellen. "Sie hat zu viel geredet", sagte Jelena Isinbajewa auch in Peking kühl, "erstmal muss sie mich respektieren. Dann muss sie ihre Position kennen. Die kennt sie jetzt."

Die Menge im Glück

Ansonsten hat Jelena Isinbajewa viel und laut gelacht und ihre Rolle als Star des Abends ausgekostet nach dem deutlichen Erfolg, den Carolin Hingst aus Mainz als Sechste und Silke Spiegelburg aus Leverkusen als Siebte mit je 4,65 Metern erlebten. Isinbajewa tat dies aus gutem Grund. Nachdem sie 2005 ihren alten Trainer Jewgeni Trofimow verlassen hatte, um zu Witali Petrow zu wechseln, der einst den Ukrainer Sergej Bubka zu 36 Weltrekorden gecoacht hatte, durchlebte sie eine Schaffenskrise. Sie gewann nur noch, sie stellte keine Weltrekorde mehr auf . Für sie war das schlimm.

Mittlerweile ist die technische Umstellung vollzogen, auch ihr seelisches Gleichgewicht ist nach der rekordlosen Zeit wieder hergestellt und sie springt besser denn je. Ihr 5,05-Meter-Sprung war nicht einmal knapp erfolgreich, Experten glauben sie könne jetzt schon die 5,15-Marke knacken. Und im Pekinger Vogelnest fiel ihr fast ungeteilte Begeisterung zu. Das Stadion war zwar nur noch gut zur Hälfte gefüllt, als sie spät am Abend zum entscheidenden Flug ansetzte, dennoch entfaltete es eine angemessene Jubel-Atmosphäre. "Ich wollte die Menge glücklich machen", sagte Jelena Isinbajewa, und sie durfte den Eindruck gewinnen: Die Menge war glücklich.

Am vierten Tag der olympischen Leichtathletik-Wettbewerbe war das schon der dritte Weltrekord. Die Besten der Szene wirken gut vorbereitet, und gerade von der vollendet springenden Diva Isinbajewa war die Sportlobby begeistert. Jennifer Stuczynski auch? Vielleicht zeigte sie es nur einfach nicht. "Sie ist durchgekommen wie ein Champion, wie immer", sagte sie mürrisch. Sie hatte nicht so sehr auf die Konkurrentin geachtet. Sie war mit sich selbst beschäftigt. Sie interessierte diese Höhe nicht, die sie selbst nicht springen kann.

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(SZ vom 19.08.2008)