Olympiasiegerin Melanie Behringer "Ich lege jetzt alle Kraft in den Verein"

Die Mittelfeldspielerin, 30, über das Glücksgefühl von Rio, ihren Rücktritt aus der Nationalelf und den Saisonstart mit Meister FC Bayern.

Interview von Anna Dreher

Beim Olympiaturnier in Brasilien war Melanie Behringer die prägende Figur und das Rückgrat der deutschen Nationalelf. Ihre Zweikampfstärke und Übersicht im Mittelfeld brachten Sicherheit, ihre fünf Turniertreffer den Finaleinzug und die Torjägerkanone. Diesen Samstag (16 Uhr, Stadion an der Grünwalder Straße) startet die 30-Jährige mit Titelverteidiger FC Bayern München gegen den SC Freiburg in die neue Bundesliga-Saison. Ein Gespräch über Dankbarkeit, Feiern in der Garageneinfahrt und die nötige Lockerheit.

SZ: Frau Behringer, die vergangene Saison haben Sie als Meisterin und Nationalspielerin beendet. Jetzt sind Sie Olympiasiegerin, aber keine Nationalspielerin mehr - hat sich sonst noch etwas verändert seit Rio?

Melanie Behringer: Ich hoffe, nicht viel. Ich möchte auch mit Medaille so bleiben, wie ich vorher war. Und ich glaube, dass ich so bodenständig bin, dass ich nicht abheben werde, nur, weil ich Gold gewonnen habe. Da bin ich nicht der Typ dazu. Natürlich kann man als Sportler kaum etwas Größeres erreichen und ich bin total dankbar, dass ich das geschafft habe. Aber - so blöd sich das vielleicht anhört - wir müssen alle ab dieser Woche versuchen, das nur im Hinterkopf zu behalten. Jetzt steht die Bundesliga im Fokus.

Ist es nicht schade, dass Sie das olympische Erlebnis nicht länger auskosten konnten?

Wenn man von anderen Sportlern hört, was die so nach Olympia machen, kann man schon neidisch werden. Aber es ist ja schlussendlich mein Beruf, und wir wussten alle vorher, dass wir nur eine kurze Pause haben werden, wenn wir bis zum Schluss bei Olympia dabei sind.

Was machen denn andere Sportler, das Sie gerne gemacht hätten?

Wir hatten mit den Hockeyfrauen guten Kontakt, die haben nach unserem Finale gesagt: "Wir gehen jetzt in den Urlaub, wie sieht's bei euch aus?" Aber bei uns geht es ja gleich mit der Liga weiter. Urlaub wäre natürlich schön gewesen, aber ich lege jetzt trotzdem alle Kraft in den Verein.

Jubel für Deutschland: Melanie Behringer nach ihrem Elfmeter im olympischen Halbfinale gegen Kanada - ihrem fünften Turniertor.

(Foto: Bildbyran/Imago)

Nimmt man als Beteiligter überhaupt wahr, was um einen herum passiert? Oder sind auf einmal 90 Finalminuten vorbei - und man hat die Goldmedaille um den Hals hängen?

Das ist ganz schwierig zu sagen. Schon das gewonnene Halbfinale war Wahnsinn und surreal, es tatsächlich endlich geschafft zu haben. Auch nach dem Finale hat es sich komisch angefühlt, dann heißt es auf einmal: Du bist Olympiasiegerin, und du weißt es ja, du hast ja die Goldmedaille. Verstehen aber kann man das erst, wenn man die Bilder sieht und Abstand hat. Währenddessen strömt auch unglaublich viel auf einen ein. Das ist alles toll, aber irgendwann denkt man: Puh, jetzt muss ich mal runter kommen. Nur kommt der Tag lange nicht.

Wann kam dieser Tag bei Ihnen?

Als ich bei meiner Familie war. Meine Eltern haben mich in Frankfurt abgeholt mit Familie, Freunden und dem Bürgermeister. Zuhause konnte ich zum ersten Mal verarbeiten, was in Rio passiert ist.

Aber in Ihrem Heimatort Wieden wollten Ihnen doch sicher auch alle die Hand schütteln und gratulieren.

Mein Dorf ist nicht wirklich groß, aber am Sonntag war ein Empfang für mich, und da kamen schon viele in die Gemeindehalle. Am Montag gab es ein Straßenfest mit allen Nachbarn - das musste einfach sein. Wir sind vor der Garage zusammengesessen, jeder hat etwas zu Essen mitgebracht und wir haben uns einfach ein bisschen unterhalten. Das ist immer ganz witzig.

Mit Familie und Freunden Erfolge als Nationalspielerin zu feiern wäre Ihnen sicher auch zukünftig noch möglich gewesen - wieso sind Sie zurückgetreten?

Ich hatte schon lange mit dem Gedanken gespielt, dass Olympia meine letzte Station sein könnte. Und dann lief es so perfekt. Da war mir nach dem Halbfinale schon klar: Mehr kann ich nicht erreichen. Silber wäre auch überragend gewesen, aber Gold hat alles gekrönt. Einen besseren Abschied hätte es nicht geben können. Ich habe jetzt einen großen inneren Frieden und bereue meine Entscheidung nicht.

Zum Rücktritt aus der Nationalelf

"Schon nach dem Halbfinale war klar: Mehr kann ich nicht erreichen. Silber wäre auch überragend gewesen, aber Gold hat alles gekrönt. Einen besseren Abschied hätte es nicht geben können."

War der Reiz, unter der neuen Bundestrainerin Steffi Jones die Europameisterschaft 2017 zu spielen - vielleicht sogar als Kapitänin -, nicht größer?

Natürlich war die Überlegung da, irgendwie will man ja auch wissen, wie es dann werden könnte. Seit ich in der Nationalmannschaft spiele, war Silvia Neid meine Trainerin. Ich habe auch oft darüber geredet, vor allem mit Annike Krahn - ihr ging es genauso. Aber schlussendlich wollte ich dann nicht mehr. Wir sind auch nicht mehr die Jüngsten. Ich habe alles erreicht.

Hat ja auch Vorteile.

Das war genau der Punkt. Ich bin froh, mal ein Wochenende frei zu haben, wenn die anderen zu Länderspielen reisen. Jetzt habe ich Zeit für mich. Vielleicht mache ich an solchen Tagen Kurztrips, nach Hamburg oder Berlin. Wir haben ja sonst keine Zeit mal zwei, drei Tage wo hinzufahren. Selbst in München gibt es noch Gegenden, die ich mir genauer anschauen will.

Haben Sie München und Ihre Mannschaft in Brasilien denn vermisst?

Das kann ich schon sagen. Ich freue mich total, dass ich wieder hier bin und die Mädels sehe. Ich wollte nach Rio so schnell wie möglich wieder bei der Mannschaft sein. Wir haben fünf neue Spielerinnen dazu bekommen, die wollte ich kennenlernen. Und auch wieder mit den anderen trainieren - wir Nationalspielerinnen haben ja fast die ganze Vorbereitung verpasst.

In Vero Boquete (zu Paris Saint-Germain/ Frankreich) hat Bayern München eine starke Spielerin verloren, in Nationalspielerin Simone Laudehr (vom 1. FFC Frankfurt) und Verena Faißt (vom VfL Wolfsburg) zwei erfahrene bekommen. Werden Sie auch mit dieser Mannschaft Meister?

Wolfsburg zur Wiesn-Zeit: Die Bundesliga-Hinrunde der FCB-Frauen

Hinrunde

Sa., 3.9. (16 Uhr): SC Freiburg (H)

Sa., 10.9. (14 Uhr): FF USV Jena (A)

So., 25.9. (14 Uhr): VfL Wolfsburg (H)

So., 2.10. (14 Uhr): Bayer Leverkusen (A)

So., 16.10. (11 Uhr): SC Sand (A)

So., 30.10. (14 Uhr): MSV Duisburg (H)

Sa., 5.11. (13 Uhr): TSG 1899 Hoffenheim (A)

So., 13.11. (14 Uhr): 1. FFC Frankfurt (H)

Sa., 19.11. (14 Uhr): Bor. Mönchengladbach (A)

So., 11.12. (14 Uhr): Turbine Potsdam (H)

So., 18.12. (14 Uhr): SGS Essen (A)

Rückrundenstart

So., 19.2. (14 Uhr): SC Freiburg (A)

Der VfL Wolfsburg hat insgesamt die besseren Einzelspielerinnen, darüber muss man nicht diskutieren. Aber wir können viel über unseren Teamgeist erreichen und haben dazu viele gute Spielerinnen - auch unter den Neuen. Die Frage ist natürlich, wie sie in den wichtigen Spielen auftreten. Aber alle passen super zu uns, auch von den Typen her. Ich mache mir da keine Sorgen, wir sind schon Favorit.

Das wird nicht nur der Pokalsieger und Meisterschaftszweite aus Wolfsburg verhindern wollen.

Es wird am Samstag mit dem SC Freiburg anfangen, die sind total stark. Ich traue dem Team zu, vorne mitzuspielen. Bei Potsdam muss man schauen, wie der neue Trainer mit dem Team harmoniert. Die SGS Essen wird auch gut dabei sein, Frankfurt finde ich schwer einzuschätzen. Diese Saison wird richtig, richtig schwer. Aber ich glaube, wir sollten locker bleiben und uns auf keinen Fall versteifen und denken, wir müssen, wir müssen, wir müssen.

Mit welchen Zielen?

Ich setze meine Ziele immer sehr hoch. Ob ich sie dann erreiche, ist etwas anderes. Ich will Titel gewinnen. Wie wir vergangene Saison in der ersten Runde der Champions League ausgeschieden sind, war unglücklich. Aber wir haben gemerkt, wie besonders diese Liga ist. Da wollen wir so lange wie möglich dabei bleiben. Am liebsten würde ich im Finale stehen und Champions-League-Sieger werden. Dann wäre meine Karriere perfekt.