Olympiasiegerin Adelina Sotnikowa "Schande über euch Preisrichter!"

Holt Gold, aber ist es verdient? Adelina Sotnikowa und ihre Betreuer während der Punktevergabe

(Foto: Getty Images)

Adelina Sotnikowa wird von ihren Landsleuten als erste Eiskunstlauf-Olympiasiegerin aus Russland umjubelt. Doch viele sehen in ihr nicht die verdiente Siegerin. Sie bekommt für ihre Darbietung auffällig viele Punkte. Die Gegnerinnen sind enttäuscht, unbeteiligte Fachleute schäumen.

Von René Hofmann, Sotschi

Am Mittwochabend saßen gegen Mitternacht drei junge Frauen auf einem Podium in den Katakomben des Eisberg-Eislaufpalastes: die Südkoreanerin Kim Yuna, die Italienerin Carolina Kostner und die Russin Adelina Sotnikowa. Die drei führten nach dem Kurzprogramm, fast gleichauf lagen sie an der Spitze. Was es brauchen würde, um am nächsten Abend Gold zu holen, wurden sie gefragt.

Kim Yuna, bei den Spielen vor vier Jahren in Vancouver die Beste, antwortete: "Ich muss einfach zeigen, was ich kann." Carolina Kostner, die Erfahrenste in der Runde, die bei Olympia schon zweimal arg ins Stolpern geraten war, meinte: "Ich darf einfach nicht daran denken, was auf dem Spiel steht." Adelina Sotnikowa, die EM-Zweite, der vor Wettbewerbsbeginn bestenfalls Außenseiter-Chancen zugemessen worden waren, gab zurück: "Für Olympia-Gold ist es wichtig, das Ziel zu sehen, hart zu arbeiten und nie aufzugeben."

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Was sie nicht erwähnte: Aus Russland zu kommen ist ebenfalls eine Voraussetzung. Zumindest, wenn die Spiele in Russland stattfinden, vom Staatspräsidenten zur nationalen Aufgabe erhoben werden und die Eishockey-Mannschaft den Erwartungen schon nicht gerecht geworden ist. Dieser Eindruck zumindest blieb, keine 24 Stunden später, als die Punktzahl für die Kürdarbietungen verkündet wurden. Sotnikowa bekam für ihr Rondo-Capriccioso-Programm, das sie im grauen Kleidchen als Dritte der letzten Einlaufgruppe darbot, 149,95 Zähler zugesprochen. Das waren auffällig viele. Aber entscheidend ist beim Eiskunstlauf immer der Vergleich.

Schon im Kurzprogramm war die 17-Jährige vergleichsweise gut weggekommen. Ihre Sprünge waren sauber gewesen. An den Werten für die Technik war wenig auszusetzen gewesen. Aber dass sie auch für die künstlerischen Elemente, die früher in der B-Note gebündelt wurden, so viel erhielt wie die wesentlich reifer, eleganter und ausdrucksstärker wirkenden älteren Kolleginnen - das war fragwürdig. Mit ihrer Kürwertung hatte Sotnikowa schon die unmittelbar vor ihr zum Bolero aufgetretene Carolina Kostner distanziert. Wer am Donnerstagabend letztlich jubeln und wer weinen würde, entschied sich damit mit der letzten Läuferin, mit Kim Yuna.

Die 23-Jährige zeigte, was sie konnte. Dass sie wegen einer Fußverletzung in diesem Winter nur wenige Wettbewerbe bestritten hatte, dass sie sich seit dem Olympiasieg 2010 generell rar gemacht hatte - davon war nichts zu sehen. In ihrem schwarz-lila Kleid glitt sie übers Eis, als ob dieses ihr keinerlei Widerstand entgegensetzen würde. Sie sprang, als sei das ein Kinderspiel. Dazu lief Adios Nonino von Astor Piazzolla. Die Klavierklänge, die Schritte, das Kleid - alles wirkte harmonisch. Bis die Punkte verkündet wurden.

144,19 Punkte für die Kür, 74,5 davon für die künstlerischen Elemente (ungefähr so viel wie Sotnikowa bekommen hatte), 69,69 für die gezeigte Technik (fast sechs weniger als Sotnikowa) - in der Endabrechnung bedeutete das Platz zwei. Der Sieg ging an die Russin. Zum ersten Mal stellt das Land damit auch bei den Frauen die Olympiasiegerin. Das durch und durch patriotisch gestimmte Publikum im Eisberg-Palast tobte vor Begeisterung. Yuna Kim flüchtete in die Katakomben, wo sie von Tränen übermannt wurde. Und die unbeteiligten Fachleute: Sie schäumten.