Olympiabewerbung für 2024 "Hamburg braucht das"

Der Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft über die Probleme und Chancen des fünften deutschen Anlaufs.

Interview von Peter Burghardt und Thomas Hahn

SZ: Herr Hill, was ist komplizierter: die Elbphilharmonie zu retten oder Olympia in Hamburg auf den Weg zu bringen?

Nikolas Hill: Die Elbphilharmonie steht kurz vor dem Abschluss. Ich bin sicher, dass sie am 11. Januar 2017 eröffnet wird - übrigens zu einem sehr interessanten Zeitpunkt für die Olympia-Bewerbung. Die Eröffnung wird Hamburg weltweite Aufmerksamkeit bringen und uns helfen mit Blick auf Lima, wo auf dem Kongress des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im September 2017 die Entscheidung über den Austragungsort der Spiele 2024 fällt.

Zufall, oder?

Das war ein geheimer Masterplan. Deshalb haben wir die Fertigstellung der Elbphilharmonie immer verzögert.

Haha.

Nein. Das ist ein glücklicher Umstand. Grundsätzlich hat die Bewerbung für die Spiele eine ganz andere Dimension als der Bau der Elbphilharmonie. Mit der Kandidatur vertreten wir als Hamburg/Kiel Deutschland in einem internationalen Wettbewerb. Olympia nach Hamburg zu holen, ist was ganz Besonderes.

Die Kosten der Elbphilharmonie stiegen von den veranschlagten 77 Millionen Euro auf 789 Millionen. Keine gute Referenz.

Hamburg hat aus den Fehlern gelernt. Besonders bei der Kostenermittlung. Mit dem Finanzreport hat die Stadt eine beispiellose Grundlage geschaffen, um das Vertrauen, das durch das andere Projekt verloren gegangen ist, wieder aufzubauen.

Lernen Sie auch gerade aus dem Fall Fußball-WM 2006, der das damalige Organisationskomitee und den DFB belastet?

In Hamburg haben wir das modernste Transparenzgesetz Deutschlands. Jeder kann im Internet einsehen, mit wem wir vertragliche Beziehungen haben. Außerdem haben wir mit Transparency International einen Ethik-Code erarbeitet, damit glasklar ist, dass die Bewerbung sauber ist, und dass die Spiele es auch sein werden.

Spüren Sie die Folgen der WM-Affäre?

Diese Debatte hilft sicher nicht. Doch Gesetz und Ethik-Code hatten wir schon, als es die Debatte noch gar nicht gab. Unsere Transparenz ist glaubwürdig. Das Ergebnis der Diskussion um die Fußball-Bewerbung wird man abwarten müssen. Aber das Sommermärchen zeichnete sich ja auch dadurch aus, dass wir uns als Deutschland selber überrascht damit haben, was durch Ereignisse möglich ist. Welche Strahlkraft sie entwickeln, wie sie das Bild der Deutschen verändern können.

Aber das jüngste deutsche Olympia-Referendum ist in München gescheitert.

Wir haben aus den Münchner Erfahrungen unter anderem die Konsequenz gezogen, dass wir von Anfang an die Bürger einbezogen haben. Wir hatten die erste Informationsveranstaltung schon, als es noch eine Reihe von Planungsalternativen gab. Auch die Olympia-Gegner wurden gehört. Wir haben bei Themen wie Nachhaltigkeit, Mobilität, Sportstättenplanung Impulse bekommen. Und wir wollen die Bürger nicht nur bei der Bewerbung beteiligen, sondern auch dann, wenn wir den Zuschlag haben, bis 2024.

Verstehen Sie die Kritik an Olympia?

Wir setzen uns mit jedem Argument auseinander. Weil es unser Bewerbungskonzept noch fundierter macht. Wir haben Mitarbeiter, die sich um nichts anderes kümmern, als genau diese Menschen zu fragen: Was sind eure Bedenken?

Was soll ein Referendum, solange unklar ist, wer was zahlt? Bürgermeister Scholz sagt: 1,2 Milliarden übernimmt Hamburg, der Bund muss 6,2 Milliarden Euro beitragen. Aber der Bund zögert.

Schöner Plan: So könnte das Gelände für die Olympischen Spiele 2024 in Hamburg aussehen. Visualisierung: KCAP|Arup|Vogt|Kunst+Herbert|gmp|Drees&Sommer|WES|ARGUS & u.a.

Der Bund braucht eben Zeit. Die muss er auch haben, um zu sehen, was hinter unseren Plänen steckt. Wir haben hier eine ganz neue Planungstiefe im Vergleich zu früheren Bewerbungen. Der Bund ist das erste Mal seit 1972 schon in der Bewerbungsphase als Gesellschafter dabei. Zweitens kann man die bisherige Logik, Bund, Land und Kommune teilen sich die Kosten jeweils zu einem Drittel, auf einen Stadtstaat wie Hamburg nicht anwenden. Der Bund muss sich in die neuen Verfahren eindenken. Und jene, die das beim Bund tun, müssen sich auch um das Thema Flüchtlinge kümmern. Ich habe Verständnis dafür, dass man da zeitlich Prioritäten setzt.

Das Innenministerium ließ zuletzt verlauten: 6,2 Milliarden Euro sind zu viel.

Ob wir bis zum Referendum die letzte Kommazahl geklärt haben, werden wir sehen. Aber ich bin optimistisch, dass sich Stadt und Bund einigen werden. Die Gespräche sind sehr konstruktiv.

War es ein Fehler, stark auf die städtebaulichen Vorzüge der Spiele hinzuweisen? Warum soll der Bund für etwas zahlen, das Kempten oder Halle nichts bringt?

Nein. Mit dem neuen Bewerbungsprozess, der seit dem 16. September mit dem Host City Vertrag noch mal deutlich skizziert worden ist, definiert das IOC doch auch seine Vorstellung, dass die Spiele in eine Stadtentwicklungsstrategie passen müssen. Nachhaltig, ökologisch, sozial.

Gewöhnlich wird Olympia um 70 bis 100 Prozent teurer als geplant. Warum sollte das in Hamburg anders sein?

Weil wir die Kostenplanung ganz anders angegangen haben als andere. Wir haben 695 Projekte bis hin zur Honorarordnung für Architekten und Ingenieure vorempfunden mit Kostenvarianzen, die für die Zukunft belastbar sind. Wir haben ein Prinzip angelegt, das sich kostenstabiles Bauen nennt. Wir arbeiten mit Kostenvarianzen von 40 Prozent, mit Preisen von 2024, Baunebenkosten, konservativen Gewinn-Einschätzungen. Das gibt uns eine ganz andere Sicherheit.

Olympia war zuletzt ein Symbol des Gigantismus, Hamburg will anders sein. Wie?

Die Reformagenda des IOC 2020 spielt uns in die Hände. Wir bieten das Konzept maßvoller Spiele maßgeschneidert für eine Stadt, die nicht zu den Megametropolen gehört und keine Hauptstadt ist.

Allerdings ist Olympia durch die Agenda 2020 nicht kleiner geworden. Im Gegenteil. Ist es nicht doch gigantisch, was man sich da in die Stadt holt?

Das IOC hat uns Hinweise gegeben, wie die Optimierung noch besser gelingen kann. Die Agenda 2020 ist ganz real. Die Entscheidung, im Olympiastadion mit 60 000 statt 70 000 oder 90 000 Sitzplätzen zu planen, kam nach so einem Hinweis. Ich teile die Skepsis nicht.

Sie wollen das Olympiastadion nach den Spielen auf eine Arena für 20 000 Menschen zurückbauen? Ist das nachhaltig?

Das wäre weiterhin ein wettbewerbstaugliches Stadion. Es gäbe ein Erbe, das sinnvoll genutzt werden kann - auch durch 400 Wohnungen mit einer reizvollen Adresse: Olympiastadion 1. Wir sind sicher, dass wir 400 Bürgerinnen und Bürger finden, die Spaß daran hätten, in so einem Stadion zu leben und ab und zu ein Sportereignis vor der Haustür zu erleben.

Zuletzt mussten Sie die Ruder-WM einem Dorf in Österreich überlassen, weil die Windverhältnisse an der Dove-Elbe ungeeignet seien. Keine gute Werbung.

Wir haben daran gearbeitet, dass die Windverhältnisse etwa durch andere Tribünen besser beherrschbar werden.

Kritiker fragen: Wozu der Aufwand, es gewinnt vermutlich Paris. Oder Rom. Oder Los Angeles. Und wenn Paris Olympia bekommt, dann hat Hamburg auch 2028 keine Chance, weil nicht zweimal hintereinander Europa an der Reihe ist.

Es gibt für jeden Bewerber Leute, die sagen, der wird es ganz sicher. Das IOC hat kein Prinzip der Kontinentalrotation. Bei den letzten drei Vergabeentscheidungen hat Asien gewonnen: 2018 Pyeongchang, 2020 Tokio, 2022 Peking. Es gibt auch kein ungeschriebenes Gesetz, dass ein Austragungsort mehrere Anläufe braucht. Außerdem ist das nach Berchtesgaden, Leipzig, München und Berlin die fünfte deutsche Bewerbung. Das zeigt, mit welchem Durchhaltevermögen sich Deutschland um die Spiele bemüht. Die Hamburger Bewerbung wird international genauso ernst genommen wie alle anderen.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann hat den nicht ganz glücklichen Hinweis gegeben, dass die Flüchtlingskrise zur Unzeit käme. Kommt nicht eher die Olympia-Bewerbung zur Unzeit?

Das sind zwei Seiten einer Medaille: Wir haben die Herausforderung in diesem Land und in Europa, mit den Flüchtlingen umzugehen. Wir müssen Integration leisten. Dazu gehört eine Perspektive für diese Menschen, die hierher kommen. Und dazu gehört, sich mit der Zukunft einer Stadt auseinanderzusetzen und Chancen zu suchen, mit denen man wirtschaftlich erfolgreich bleibt. Olympia ist ein Zukunftsthema.

Kann man die Flüchtlingssituation und Olympia stemmen?

Natürlich. Wer, wenn nicht die stärkste Volkswirtschaft Europas, sollte das schaffen können? Olympia findet in neun Jahren statt. Das ist nichts, was wir heute parallel bewältigen müssen. Es wäre eine Zumutung, wenn wir den Flüchtlingen sagen müssten, weil ihr heute hier seid, können wir uns nicht mit der Zukunft unserer Stadt beschäftigen.

Mit der Zukunft der Stadt beschäftigt man sich mit oder ohne Olympia. Manche Städte wie zuletzt Boston sagen, wir brauchen Olympia nicht.

Ich meine, Hamburg braucht das. Weil die Stadt dadurch eine Perspektive bekommt, die sie ohne die Spiele nicht hätte. Das gibt einen beispiellosen Schub.

Ab 2017 müssten Sie neuen Stadtteil erschließen, auf dem jetzt noch Hafenunternehmen sesshaft sind. Ist das zu schaffen?

Das wird eine Herausforderung. Aber in sieben Jahren haben es andere geschafft, und es wird auch uns gelingen.

Ist der Vertrag mit dem IOC ein Knebelvertrag? Das Risiko trägt der Ausrichter.

Das IOC gibt einen Zuschuss von rund 1,7 Milliarden US-Dollar für die Durchführung der Spiele. Auf der anderen Seite macht eine Stadt das Angebot, gemäß den Anforderungen eine Leistung zu erbringen. Dass ein Ausrichter die Verantwortung übernehmen muss, dass das auch klappt, dafür habe ich Verständnis. Das würde ihnen bei einem Hauskauf nicht anders gehen. Das Grundkonzept des Vertrages ist nicht unfair.

Ist die Fußball-EM 2024, die nach Deutschland kommen soll, ein Hindernis für einen Hamburger Erfolg?

Die Olympia-Entscheidung im September 2017 in Lima fällt vor der Vergabe der Euro 2024. Auch der IOC-Präsident Thomas Bach hat gesagt, dass eine EM im gleichen Jahr kein Hindernis wäre.

Was passiert, wenn es am 29. November beim Referendum heißt: nein, kein Olympia in Hamburg? Abbau?

Ja. Bis zum 31. Dezember wird dann diese Firma abgewickelt sein. Das weiß jeder, der hier beschäftigt ist. Wir leben mit diesem Risiko. Allerdings sind wir sehr optimistisch, die Hamburger und Kieler davon zu überzeugen, dass sie eine tolle Chance haben. Ich bin zuversichtlich, dass die Menschen eine kluge Entscheidung treffen.