Von Jürgen Schmieder

Wenn bei diesen Spielen etwas passiert, das nicht passieren sollte, dann muss Wang Wei auf die Bühne und etwas Beruhigendes sagen. Sein Sprachschatz macht ihn zum Mitarbeiter des Jahres.

Diese Olympischen Spiele sind perfekt. Sie müssen perfekt sein, weil die chinesischen Organisatoren das so beschlossen haben. Um das auch allen Menschen auf der Welt klarzumachen gibt es Wang Wei. Er ist der Vizepräsident des Olympia-Organisations-Komitees und muss immer dann auf die Bühne, wenn jemand behauptet, dass doch irgendetwas nicht perfekt ist. Er hebt dann die rechte Hand, lächelt freudlicher als jede Hostesse und schickt Wort gewordenes Opium in den Raum.

Bild vergrößern

Wang Wei: "Das ist doch ganz normal." (© Foto: dpa)

Anzeige

Die kostümierten Kinder, die bei der Eröffnungsfeier die Eintracht der 56 ethnischen Volksgruppen in China darstellen sollten, waren in Wirklichkeit Han-Chinesen? "Das ist doch ganz normal", beruhigt Wang. "Es ist in China eine Tradition bei Aufführungen, dass verschiedene Trachten getragen werden, um zu symbolisieren, dass die Volksgruppen freundlich und glücklich zusammenleben." Alles in Ordnung also.

Das Lied zum Einzug der chinesischen Nationalflagge sang nicht das neunjährige Kind, das zu sehen war? Wangs Kommentar: "Der Beschluss wurde von dem künstlerischen Direktor ergriffen. Sie wollten die schönste Stimme und den besten Auftritt." Die Sängerin war einem Mitglied des Politbüros nicht hübsch genug. Fehlt nur der Verweis, dass es doch bei "Milli Vanilli" damals auch nicht anders war.

Die Feuerwerks-Fußstapfen waren nicht echt - sie wurden zum Teil per Computergrafik erzeugt. Ein Fall für Wang: "Das macht doch nichts. Es diente der Erleichterung der Arbeit und für den dramatischen Effekt." Und zur Meldung, dass ein Ensemble-Mitglied bei einer Probe drei Meter in die Tiefe gefallen und schwer verletzt worden, sagte Wang: "Ich kann die Gefahr einer Lähmung nicht bestätigen."

Und dann gibt es ja noch böse Jornalisten, die von leeren Stadien berichten und noch bösere Fotografen, die Bilder dieser leeren Stadien um die Welt schicken. Denen sagt Wang, was wirklich los ist in Peking: "Es gibt viele Besucher, doch der Olympiapark ist so weitläufig, dass sich die Leute darin verstreuen. Die Leute verfolgen mit großer Begeisterung die Olympischen Spiele." Das muss ja auch sein, schließlich hat man ihnen monatelang beigebracht, wie man richtig jubelt.

Wang hat auch ein Wort für die ständig nörgelnden Journalisten, die sich beschweren, nicht über alles berichten zu dürfen. Selbst die einheimische Presse dürfe frei über alles schreiben. Man habe sie nur angewiesen, über keine Themen zu berichten, die der "nationalen Sicherheit" schaden. Den Panzer vor dem Pressezentrum begründete er so: "Der Panzer ist keine Bedrohung, er ist lediglich zum Schutz des Pressezentrums gedacht."

So sitzt Wang Wei jeden Tag stoisch wie eine Hindu-Kuh auf einer Bühne und spricht seinen Text. Er ist eine Mischung aus modernem Konfuzius und Propaganda-Minister. Man könnte ihn das gute Wort dieser Spiele nennen. Oder auch den Schönredner.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de/aum)