Olympia-Sperre für Russland Das IOC verdient keinen Applaus

Das Internationale Olympische Komitee schließt Russland als Nation von den Winterspielen 2018 aus - doch genug Beweise lagen schon 2013 vor.

(Foto: AFP)

Die komplette Geschichte des Russland-Skandals zeugt vom Scheitern des IOC im Anti-Doping-Kampf: Beweise lagen schon 2013 vor. Trotzdem florierte das Betrugsnetz.

Kommentar von Johannes Knuth

Manchmal sieht man die Dinge ja klarer, wenn man einige Schritte zurücktritt, man blickt dann auf das ganze Bild. Zum Beispiel auf jene Dinge, die sich schon im Juli 2013 ereigneten, öffentlich und in den Hinterzimmern des organisierten Sports.

Im Sommer 2013 stand die Leichtathletik-WM in Moskau bevor, die russische Dopingoperation gewann an Kraft, sie sollte ein halbes Jahr später bei den Heim-Spielen in Sotschi ihren Höhepunkt erreichen. Aber das Unterfangen drohte plötzlich zu zerbröseln. Die britische Mail on Sunday veröffentlichte ein Exposé, das die Konturen des Betrugs schon kräftig ausmalte: Gedopte Athleten, überführte Doper, die sich freikaufen, und ein Staat, der das offenkundig abschirmt, weil er Sieger und Medaillen verlangt. Einer der Hauptakteure: Grigorij Rodtschenkow, Chef des Moskauer Anti-Doping-Labors.

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Die Zeitung berichtete auch, dass Rodtschenkow 2011 wegen Drogengeschäften verhaftet worden war, dass er dann unter mysteriösen Umständen reingewaschen und an die Spitze des Moskauer Labors gespült wurde. Als Rodtschenkow von dem Bericht hörte, dachte er, der "Tag der Abrechnung" sei gekommen, so steht es im Schmid-Bericht, mit dem das Internationale Olympische Komitee erst jetzt den gigantischen Betrug in Sotschi sanktionierte. Verbände und Staat, dachte Rodtschenkow damals, würden ihn nun absetzen.

Taten sie aber nicht.

Es ist in diesen Tagen oft die Rede davon, dass das IOC mit dem Ausschluss des russischen Verbands von den Winterspielen 2018 ein starkes Signal gesendet habe. Tatsächlich markiert das Verdikt das vorläufige Ende eines Skandals, den der Ringe-Clan und die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada wohl hätten vereiteln können. Weil ihnen die Hinweise früh zufielen. 2010, vom Ehepaar Stepanow, das dann zur ARD zog. 2012, als die russische Diskuswerferin Darja Pischtschalnikowa brisantes Material an die Wada herantrug. Allerspätestens 2013 und 2014, dank der Mail on Sunday und der ARD.

Die Verbände? Schoben das brisante Material hin und her. Das IOC an die Wada, die formell für die Labore zuständig ist. Die Wada wiederum hielt es für eine gute Idee, dass man Material, das russische Sportbehörden massiv belastete, erst mal weiterleitet an: die russischen Sportbehörden (die Pischtschalnikowa dann für zehn Jahre sperrten). Ach ja, Rodtschenkow wurde von der Wada mit der Leitung des Olympia-Labors in Sotschi belohnt, toleriert vom IOC, dem längst belastendes Material vorlag. Als würde man eine einschlägig bekannte Räuberbande mit der Bewachung einer Bank beauftragen und darauf vertrauen, dass schon niemand etwas klauen wird.

Die Strafe für Russland, zumal mit einer scheunentorgroßen Hintertür, ist also weder ein Signal für sauberen Sport, noch verdient die oberste olympische Instanz Applaus. Die Strafe steht vielmehr dafür, dass der Anti-Doping-Kampf des Sports nie ein Kampf war, sondern ein Management, das bloß so viel von dem Problem zeigt, dass das eigene Produkt nur minimal befleckt wird. Nur dass diese Untätigkeit diesmal ein staatlich orchestriertes Betrugsnetz florieren ließ.

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