Olympia Russland darf zu Olympia: Die Schattenwelt gewinnt

Thomas Bach und Wladimir Putin bei der Eröffnungsfeier von Sotschi.

(Foto: dpa)

Trotz belegten Staatsdopings lässt das IOC Russland in Rio starten. Der Beschluss torpediert den weltweiten Anti-Doping-Kampf und liest sich, als hätte ihn Putin persönlich diktiert.

Von Thomas Kistner

Am Ende war wieder die Sportpolitik stärker. Stärker sogar als der von einer Fachkommission unter dem kanadischen Rechtsprofessor Richard McLaren ermittelte Faktendruck, der ein staatlich orchestriertes Massendoping in Russland minutiös darlegt. Aber das Internationale Olympische Komitee setzte eine andere Priorität: Es will Wladimir Putin nicht desavouieren, und so entschied es Sonntagnachmittag, als hätte der Kremlchef selbst die Telefonschalte geleitet und nicht sein Freund Thomas Bach: Kein Komplett-Ausschluss von Russlands Athleten. Sportler, die gegenüber ihren jeweiligen Weltverbänden den Nachweis erbringen können, nicht ins russische Staatsdopingsystem involviert gewesen zu sein, dürfen bei den Spielen in Rio de Janeiro starten.

Damit spielte das IOC unter dem deutschen Advokaten Bach das Thema einfach an die Fachverbände zurück. Deren Aufgabe ist quasi unlösbar: Sie sollen nun komplexe Sachverhalte zum russischen Staatsdoping überprüfen, die im Einzelfall gar nicht zu überprüfen sind - schon gar nicht binnen kürzester Zeit. In zwölf Tagen werden die Spiele eröffnet. Zudem ist es so, dass russische Funktionäre sowie ihre zahlreichen Verbündeten und Vasallen aus osteuropäischen, arabischen und asiatischen Rohstoffländern die Weltverbände besetzen. Nicht selten finden sich dort Funktionäre, die - in durch echte Compliance-Regeln abgesicherten Organisationen - selbst Anlass zu Untersuchungen gäben.

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Über das Wochenende hatte es kurz den Anschein, als würde der Leidensdruck selbst für das IOC zu stark. Britische Medien kündigten bereits den Ausschluss aller 387 gemeldeten Athleten aus Russland an. Eine Art internationale Allianz der Anständigen, unter Führung der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada und ihrer nationalen Ableger sowie der Assistenz zahlreicher Athleten-Vertretungen, hatte die Schaukelpolitik des IOC durchschaut und den öffentlichen Druck so erhöht, dass es mit seiner Entscheidung nun fast in der Rolle russischer Sportlobbyisten dasteht. Täglich gab und gibt es Enthüllungen zum russischen Staatsdoping. Nach Veröffentlichung des McLaren-Reports am Montag vor einer Woche folgte am Freitag der nächste Schlag: Weitere 45 Dopingsünder flogen bei Nachtests zu den Spielen 2008 (Peking) und 2012 (London) auf. Zwei weitere Nachtest-Wellen stehen noch aus, ihre Resultate werden während bzw. nach den Spielen in Rio erwartet. Wie schon bei der ersten Welle, die insgesamt 53 Doper der Spiele von 2008/12 empor spülte, muss bei den aktuellen wie den kommenden Nachtests mit weiteren russischen Sündern gerechnet werden.

Das allein reicht, um die zum sauberen Treff der Weltjugend stilisierten Muskelspiele als Pharma-Versuchslabor zu entlarven. Die Zahlen zeigen ja, wie ineffektiv Dopingtests sind: Aus offiziell in Peking vermeldeten fünf bzw. in London zwei Dopern werden am Ende Hundertschaften. Da wirken Bachs Reden ("Die neuen Nachtests zeigen ein weiteres Mal das Engagement des IOC im Kampf gegen Doping") geradezu komisch - das Publikum begreift Olympia zunehmend als Blendwerk: Welchen Sinn macht es, Leistungen zu feiern, die später durch verbesserte Analysemethoden als Pharmabetrug entwertet werden?

In die strukturelle Krisenlage fällt nun die Russland-Causa. Hier ist kein Ende der Enthüllungen in Sicht, im Gegenteil. Die Wada hat dafür gesorgt, dass die Aufklärungsarbeit nicht mehr in Händen des olympischen Sports liegt. Am Ruder sitzt ein unabhängiger Ermittler. Und der kanadische Rechtsprofessor McLaren hat bereits bei der Präsentation seines Reports klargestellt, dass dieser nur "einen dünnen Ausschnitt" des Gesamtbildes zum Staatsdoping wiedergebe. Sein Ermittlerstab hatte nur 57 Tage Zeit für diese Arbeit, bis zum letzten Tag seien neue, werthaltige Informationen eingegangen, die in der Eile nicht mehr gecheckt werden konnten.

Die Russland-Untersuchungen werden "absolut sicher" fortgesetzt, sagt McLaren. Am Wochenende bestätigte er die schlimmsten Befürchtungen. Der ARD sagte er, die bisher auf rund 1400 bezifferte Anzahl der in Russland zerstörten Proben sei "auf jeden Fall viel größer, es sind mehrere tausend, die genau Zahl ist schwierig zu bestimmen". Der Sender selbst berichtet von rund 9000 zerstörten Proben. Ähnliches gilt für die im McLaren-Report zunächst auf 643 bezifferte Menge von Proben, die mit speziellen staatlichen Betrugsmethoden von positiven in negative umgewandelt worden seien: Hier soll die Zahl laut ARD auf rund tausend Proben ansteigen. Passend dazu McLarens Analyse: "Da ist der stellvertretende Sportminister beteiligt, über dem es nur eine höhere Person gibt, den Minister. Wer will behaupten, es sei kein staatlich gestütztes System, wenn es auch die Unterstützung der geheimen Bundespolizei gibt, die das Einsammeln und den Transport organisiert?"

Bach hatte "härteste Maßnahmen" angekündigt. Nun drohen ihm unbequeme Fragen

Gegen diese Fakten steht das diffuse Bild von Bachs IOC. Der spricht gern von einer "Nulltoleranz" gegenüber Doping; die Enthüllung fortgesetzter Betrügereien der Russen durch den McLaren-Report geißelte er als "beispiellosen Angriff auf die Integrität des Sports". Er kündigte "härteste Maßnahmen" an. Nun das bekannte Bild: Sein IOC duckt sich weg - und lässt den Verbänden nicht mal Zeit für kritische Prüfungen. Das Verfahren wirft Fragen zur Nähe zu Putin auf. Die Russen hatten Bach auch bei seiner Wahl zum IOC-Chef unterstützt. Der IOC-Beschluss torpediert den weltweiten Anti-Doping-Kampf, das zeigen erste Reaktionen. Die Wada und 14 nationale Ableger, darunter die deutsche Nada, hatten eine Komplett-Sperre gefordert, strenge Ausnahmeregelungen und Startmöglichkeiten nur unter neutraler Flagge. All das ließ Bach und seine 14 IOC-Vorstände so ungerührt wie die Fülle an Plädoyers durch Politiker und Ethiker in aller Welt für einen General-Bann. Den Weg dazu hatte am Donnerstag der Sportgerichtshof Cas geebnet. Er segnete den Komplett-Ausschluss der russischen Leichtathleten durch den Weltverband IAAF ab. Nun wird es bizarr. Putin kündigte eine neue Anti-Doping-Kommission in Russland an - möglicherweise unter Leitung des 81-jährigen Witali Smirnow, der seit 45 Jahren im IOC hockt. Der habe "einen tadellosen Ruf und genießt das Vertrauen der olympischen Familie", sagte Putin laut Agentur Interfax. Branchenkenner haben Smirnow als einen einflussreichen UdSSR-Funktionär aus dunkelsten Zeiten des Kalten Krieges in Erinnerung. Im Zuge der Salt-Lake-City-Korruptionsaffäre, die das IOC Ende der Neunzigerjahre an den Rand des Untergangs brachte, kam Smirnow - wie alle hohen Funktionäre - mit einer "ernsten Verwarnung" davon, verhängt durch seine Kollegen. Und der russische Historiker Juri Feltschinsky benennt ihn in einem Sachbuch über den KGB als Agenten des sowjetischen Geheimdienstes - für den ja auch Putin tätig war. Jetzt drohen nicht nur die Erinnerungen an den Kalten Krieg zurückzukehren.

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