Olympia-Politik 16 Goldbarren im Fach

Ortswechsel: Polizeibeamte führen Brasiliens Olympia-Chef Carlos Arthur Nuzman (Zweiter von rechts) von seinem Haus ins Gefängnis ab.

(Foto: Mauro Pimentel/AFP)

Rios Spiele-Organisator Nuzman sitzt bereits hinter Gittern wegen des Vorwurfs, Stimmen gekauft zu haben - Dokumente legen nahe, dass viele IOC-Mitglieder verwickelt sein könnten.

Von Thomas Kistner

Gold für Brasilien! Bei den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro war das selten der Fall, nur sieben Mal schafften es Athleten des Gastgeberlandes aufs höchste Treppchen. Ein echter Goldjunge ist aber ihr oberster Olympiafunktionär: Carlos Arthur Nuzman hat binnen der letzten zehn Jahre, in denen er diverse Spitzen-Ehrenämter ausübte, sein privates Vermögen um 457 Prozent vermehrt. Dies tat jetzt die Staatsanwaltschaft kund. Ein Schlüssel, den sie Anfang September bei Razzien in den Gemächern des IOC-Mitglieds fand, führte gar direkt zum Gold: 16 Barren, versteckt in einem Genfer Schließfach, Wert rund 560 000 Euro.

Das IOC verkauft die längst überfälligen Schritte jetzt als "hartes Durchgreifen"

Nuzman sitzt seit Donnerstag in Rio hinter Gittern, selbst dort verfolgt ihn seine olympische Geschichte: Im Polizeigefängnis der hart am Bankrott lavierenden Stadt liegen Matratzen aus, auf denen 2016 Athleten im Olympiadorf geruht hatten. Wie gut es um seinen Schlaf dennoch bestellt ist, ließ Nuzman jetzt die Funktionärsfreunde wissen, die auf freiem Fuß sind. Per Brief geißelte er das Unrecht, das ihm gerade widerfahre. Er wolle seine Ehre bald wiederherstellen, erbat sich bis dahin aber die Freistellung von den Ämtern an der Spitze des Organisationskomitees von Rio sowie im nationalen Olympiakomitee COB.

Das ist führungslos, auch andere Spitzenleute wie Nuzmans rechte Hand, Vizechef Leonardo Gryner, sind in U-Haft. Sogar dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) blieb nichts mehr übrig, als sein Ehrenmitglied Nuzman, 75, zu suspendieren, auch in dessen Funktion als Mitglied der IOC-Koordinierungskommission für Tokio 2020. Diese Rolle war auch deshalb peinlich, weil die international operierenden Strafbehörden Nuzman im Zug ihrer Operation Unfairplay Geldwäsche, Zugehörigkeit zur organisierten Kriminalität und den Kauf von Stimmen für die Spielevergabe an Rio vorwerfen - und dasselbe Muster auch rund um die Spielevergabe an Tokio entdeckt haben. Mit anderen Geldgebern, aber denselben Empfängern.

Im Fokus stehen Zahlungen wie zwei Millionen Dollar an eine Firma des Senegalesen Papa Massata Diack, die drei Tage vor der Rio-Kür im Herbst 2009 in Kopenhagen flossen. Der Sohn des langjährigen Leichtathletik-Weltverbandschefs Lamine Diack soll dafür Vaters Votum und das anderer afrikanischer IOC-Leute besorgt haben. Belegt ist die Millionenzahlung an Diack durch den Brasilianer Arthur Soares; der Dienstleistungsunternehmer machte bei den Rio-Spielen große Geschäfte. Soares und Diack junior werden von Interpol gejagt, der Senior ist in Frankreich unter Arrest. Das Vater-Sohn-Syndikat hinterließ auch in anderen Verdachtsfällen Spuren: von der angeblichen Erpressung osteuropäischer Leichtathleten, die sich von Dopingsünden freikaufen durften, bis zu jenen neuerlichen zwei Millionen Dollar, die 2013 an Diack flossen; diesmal aus Japan, rund um die Spielevergabe 2020 an Tokio.

Während der flüchtige Diack sich als Opfer "der größten Lüge im Weltsport" sieht, teilt Rios Chefermittlerin Brisantes mit. Staatsanwältin Fabiana Schneider fand anhand konfiszierter Dokumente heraus, dass Nuzman und sein Vize Gryner "sehr direkte Gespräche mit Papa Massata Diack hatten, in denen Summen präzisiert wurden, die auf Konten gezahlt werden sollten". Das darf im Olymp als Hornstoß der Strafbehörden interpretiert werden. Womöglich könnten viele Funktionäre involviert sein, das legen Mails des Diack-Sohns an Nuzman/Gryner nahe. Darin bettelt er um Geld, er sei bei Personen "in Verlegenheit geraten, die auf unser Engagement in Kopenhagen vertrauten".

Daneben läge in der Logik einer Stimmkauf-Operation, dass es mehr Funktionäre bräuchte. Rio schlug Chicago, Tokio und am Ende Madrid mit 66:32 Voten. Und wo 100 Wahlleute antreten, braucht es starke Allianzen - zumal für einen Kandidaten, der schon nach den chaotischen Panamerika-Spielen 2007 Zweifel geweckt hatte.

Dem IOC blieb also keine Wahl: Daumen runter fürs Ehrenmitglied, und auch gleich für dessen COB. So lässt sich ein überfälliger Schritt, den Mitglieder bereits vor Monatsfrist bei der IOC-Session in Lima gefordert hatten, wenigstens medial als "hartes Durchgreifen" verkaufen. Dabei hatte der kanadische Anwalt Richard Pound auf SZ-Anfrage mit Verweis auf die Korruptionsaffäre um Salt Lake City vor 20 Jahren gefordert: "Das IOC sollte handeln, um seinen Ruf zu schützen. Wir haben das in der Salt-Lake-City-Krise getan, als keine kriminellen Vorwürfe vorlagen, sondern das IOC nur durch das Verhalten einiger Mitglieder in Verruf gebracht worden war." Pound, der Dienstälteste im IOC, hatte den Salt- Lake-City-Untersuchungsstab geleitet.

Zur Zögerlichkeit im Fall Nuzman passt der Umgang des IOC mit anderen Honoratioren, die im Visier der Strafjustiz sind. Der Ire Patrick Hickey wurde bei den Rio-Spielen inhaftiert, das Vorstandsamt gab er erst kürzlich in Lima ab. Ahmad al-Sabah (Kuwait), der als Chef des Asien-Verbands und der IOC-Fördertöpfe als größter Geld- und Stimmenverteiler gilt, wird von der US-Justiz als korrupt beschrieben. Seitdem reist er lieber nach Turkmenistan statt zu IOC-Treffen in westlichen Ländern.

Nun exerziert das IOC am COB "hartes Durchgreifen" und spielt Retter in der Not: Es will Brasiliens Athleten unterstützen. Das ist das Mindeste, was diese Spiele-Opfer erwarten dürfen. Denn soeben kündigte die Regierung in Brasilia an, sie wolle die Sportförderung um 87 Prozent kürzen - und die Athleten-Beihilfe Bolsa einstellen.