Olympia Mit knurrendem Magen zu Gold

Holt Gold bei ihren ersten Olympischen Spielen: Snowboarderin Chloe Kim.

(Foto: David Ramos)
  • Die 17-jährige Snowboarderin Chloe Kim gewinnt Gold im Halfpipe-Finale bei den Winterspielen in Südkorea - dem Land, aus dem ihre Eltern einst in die USA auswanderten.
  • Kim beherrschte bereits die Gegenwart ihrer Disziplin, als sie noch als Zukunft des Sports gehandelt wurde.
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Von Johannes Knuth, Pyeongchang

Die Snowboarderin Chloe Kim machte sich so ihre Sorgen: "Hätte ich mal mein Sandwich beim Frühstück zu Ende gegessen. Aber mein stures Ich wollte ja nicht." Kim dichtete diese Zeilen übrigens auf ihren Social-Media-Accounts, zwischen ihrem zweiten und dritten Versuch im olympischen Halfpipe-Finale, aber gut. Sie schaute sich vor ihrem letzten Lauf noch ein bisschen die Konkurrenz an, versuchte nicht mehr an ihren Hunger zu denken. Dann fuhr sie los und wurde Olympiasiegerin.

Die meisten Konkurrentinnen hätten vermutlich nicht mal wohlgenährt das geschafft, was Chloe Kim, 17, aus La Habra in Kalifornien am Dienstag in Pyeongchang aufführte. Ihr Lauf war kreativ, kraftvoll, technisch eine Klasse für sich. In ihrem letzten Lauf baute sie sogar jene Kombination ein, die vor zwei Jahren ihren Ruhm gemehrt hatte: zwei Sprünge mit je drei vollen Drehungen, 1080 im Fachlexikon genannt. Schon in einfacher Ausführung ist das einer der härtesten Tricks bei den Frauen. Kim sprang ihn zwei Mal, hintereinander. Die Jury belohnte sie mit 98,25 von 100 möglichen Punkten, allein zehn mehr als die zweitplatzierte Chinesin Jiayu Liu. "Ich kann es noch nicht begreifen, ich brauche ein bisschen Zeit für mich", sagte Kim nach ihrem bislang größten Erfolg.

Wie viele Punkte sie wohl gesammelt hätte, hätte sie ihr Frühstücksbrot aufgegessen ...

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Wunderkind-Vergleiche sind immer so eine Sache, vor allem in der Hochleistungsära mit all ihren Begleiterscheinungen. Aber bei Kim handelt es sich nach allem, was bekannt ist, um eine Erscheinung, die einem Sport nicht allzu häufig zufällt. Sie beherrschte bereits die Gegenwart ihrer Disziplin, als sie noch als Zukunft des Sports gehandelt wurde, gewann bislang vier Goldmedaillen bei den X-Games, der amerikanischen Trendsportmesse, dazu so ziemlich jede wichtige Leistungsschau der Szene. Wenn Shaun White, der Actionsport-Großmeister aus den USA, das Halfpipe-Snowboarden prägte, dann ist Chloe Kim wohl der Shaun White ihrer Generation, so sieht das zumindest die New York Times.

So ganz stimmen solche Vergleiche natürlich nie. White, ein Liebling des kommerziellen Amerikas, galt immer ein bisschen als Außenseiter in der freigeistigen Snowboard-Szene. Kim ist tiefer in diesem Umfeld verwurzelt. Aber ein paar interessante Parallelen gibt es schon: White und Kim sind in Kalifornien aufgewachsen, beide wurden von ihren Eltern früh in den Schnee gesteckt; Kim war damals vier (der Vater packte ihr zerschnittene Yogamatten in die Skihose, weil er nicht wusste, dass es spezielle Protektoren gibt). Beide rissen den Sport an sich, als sie in der Pubertät waren, weil sie Geschwindigkeit, Akrobatik und Wille kombinieren wie wenig andere. Kim hatte schon 2014 alle Resultate zusammengetragen, um bei Olympia in Sotschi starten zu dürfen, sie war mit 13 Jahren aber zu jung. Macht nichts, sagte sie damals, sie wusste schon: In Südkorea würde sie bereit sein.

Es kam dann, wie es alle erwartet hatten. Mit 14 gewann sie erstmals bei den X-Games, knüpfte Erfolg an Erfolg, die Agenten überschütteten sie mit Angeboten für Verträge. Wobei: Olympia war immer der Hauptpreis, Olympia zählt in den USA mehr als jeder Contest oder Weltcup. "Ich bin einfach nur aufgeregt, es ist so cool, hier zu sein", sagte Kim vor ein paar Tagen bei einer Pressekonferenz in Pyeongchang. Ihr Auftritt in Korea ist auch eine Art Familienzusammenkunft. "Meine ersten Spiele in dem Land zu bestreiten, aus dem meine Eltern ausgewandert sind", sagte Kim, "das ist ziemlich verrückt."