Olympia 2022 in Peking Vernarrt ins Vogelnest

2008 - und noch einmal 2022: Das Olympiastadion in Peking.

(Foto: dpa)
  • Kaum Schnee, lange Wege, immense Kosten: Peking eignet sich noch weniger als Sotschi für Winterspiele.
  • Für die angebliche Reform-Agenda des IOC ist die Wahl ein Rückschlag.
  • Nach der großen Sause in Sotschi wollte der Verband eigentlich etwas ändern.
Von Johannes Aumüller

Thomas Bach erledigt die Prozedur sehr souverän, es ist sein erster Auftritt als wichtigster Umschlagöffner der olympischen Sportwelt. Er zieht also einen Zettel heraus, und der Gewinner ist . . . Lausanne. Winterspiele in einem ganz klassischen Wintersportland, in dem keinerlei Diskussionen über Menschenrechte anstehen, und quasi vor der Haustür des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), das wäre mal eine etwas andere Geschichte für die Ringe-Familie mit ihrem miesen Image. Aber leider steht auf dem Zettel, den Bach gerade in die Höhe hält, nicht der Gastgeber für die Winterspiele 2022, sondern der Ausrichter der Jugend-Winterspiele 2020.

Eine Viertelstunde später tritt Bach wieder ans Pult, jetzt geht's um die wichtigste Wahl des Tages, und als er den Zettel herauszieht, steht drauf: Beijing. Das ist ein Sieg des chinesischen Favoriten gegen den kasachischen Außenseiter Almaty, wenngleich er mit 44:40 knapper ausfällt als gedacht. Aber das ist auch ein Ergebnis, das zeigt, wie wenig das IOC begriffen hat.

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Auch auf der Session in Kuala Lumpur ist viel von der Reform-Agenda 2020 die Rede gewesen. "Wir müssen zeigen, dass wir nicht nur reden, sondern uns auch bewegen", sagte IOC-Chef Bach zum Auftakt. Und es wäre auch gemein, die wirklich gravierenden Veränderungen zu übersehen: Früher standen die Tische der IOC-Mitglieder frontal gegenüber dem Präsidium, jetzt sind sie wie im Deutschen Bundestag in einem Halbkreis angeordnet, zur Anregung von "Debatte und Diskussion". Es ist nur schade, dass sämtliche Agenda-Gedanken genau in dem Moment verschwinden, in dem es um das zentrale Thema des Tages geht: die Wahl des Ausrichters für 2022.

Vor einem Jahr stieg die große Sause von Sotschi. Die Kritik an Wladimir Putins Prestigeprojekt, das zirka 50 Milliarden Dollar kostete, war immens; hinterher gab die olympische Welt die Parole aus, dass es nun ein wenig anders, nachhaltiger, kostengünstiger, nicht so gigantisch werden sollte. Doch das spielte jetzt alles keine Rolle mehr: Denn Peking eignet sich noch weniger für Winterspiele als Sotschi.

In der chinesischen Hauptstadt selbst sollen die Hallenwettbewerbe sowie die Eröffnungs- und die Schlussfeier stattfinden - in den Stätten, in denen Peking bereits die Sommerspiele 2008 beheimatete, unter anderem im berühmten Olympiastadion namens "Vogelnest". Die Alpin-Rennen sind in Yanqing geplant, wo leider kaum Schnee fällt. Für Langläufer, Biathleten und Skispringer ist ein Territorium in Zhangjiakou vorgesehen, das 190 Kilometer von Peking entfernt liegt und erst noch zu einem Wintersportzentrum aufgerüstet werden muss. Das größte Projekt ist der Bau eines Schnellzuges, mit dem sich die Reisezeit zwischen Peking und Zhangjiakou auf 70 Minuten reduzieren soll. Allein dieses Vorhaben kostet mehrere Milliarden Euro, viele weitere kommen hinzu.

Peking 2022, das bedeutet also: hohe Kosten für die Infrastruktur, massive Folgen für die Natur, nicht zuletzt, weil der wahrscheinlich benötigte Kunstschnee Unmengen an Wasser und Energie frisst. Dörfer müssen weichen, und Beobachter befürchten ein erneutes Propagandafest und eine Verschlechterung der Lage für Menschenrechtler und Minderheiten.