Von Henrik Bork

Chinas Medaillenmaschinerie produziert strahlende Sieger - aber auch unzählige Opfer.

Er wolle die Goldmedaille selbst anfassen, sagte Lin Yaoquan. Sobald sein Sohn heimkomme, mit dieser Medaille um den Hals. "Ich will sie in meinen eigenen Händen halten und wissen, wie sie sich anfühlt", sagte der Chinese.

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Leiden für Gold: Die kommunistische Führung sucht bereits in den Kindergärten nach Talenten und drillt sie gnadenlos. (© Foto: Reuters)

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Sein Sohn Lin Yue, 17 Jahre alt, hatte gerade eine Goldmedaille im Turmspringen gewonnen. Wieder einmal war Chinas rote Nationalflagge gehisst worden, ganz oben, über allen anderen Flaggen. Ein Teil des chinesischen Goldregens dieser Spiele. 51 Goldmedaillen für China sollten es am Ende sein, deutlich mehr als die USA mit 36 Goldmedaillen. Die USA führten jedoch noch in der Statistik der insgesamt gewonnenen Medaillen, mit 110 vor Chinas 100.

Soweit war die Reaktion des Vaters typisch. Dann aber sagt er noch ein paar Dinge, die in China normalerweise schamvoll verschwiegen werden, wo jede Goldmedaille wie eine Staatsaffäre behandelt wird. Die kleine Zweizimmer-Wohnung, in der er die Spiele am Fernseher verfolgt habe, sei von einem Freund geliehen, erzählte der Vater einem Reporter. "Wir haben unser Haus verkauft, um das Turmsprungtraining unseres Sohnes finanzieren zu können."

Gnadenloser Drill

Das staatliche, nach Vorbild der Sowjetunion aufgebaute Sportsystem der Volksrepublik China hat sich diesmal als führende Medaillenmaschine der Erde präsentiert. Die kommunistische Führung sucht bereits in den Kindergärten nach Talenten und drillt sie gnadenlos, damit einige von ihnen eines Tages Gold gewinnen, zur "Ehre der Nation".

Das ist bekannt, darüber ist während dieser Spiele viel berichtet worden. Weniger bekannt ist, dass sich viele chinesische Eltern verschulden, um ihren Kinder die Teilnahme an dieser Goldlotterie zu ermöglichen.

Mehr als 200.000 Kinder werden in rund 3000 Sportschulen in China als Medaillennachwuchs trainiert. Die Eltern zahlen überall. "Wir mussten 150 Yuan (rund 15 Euro) pro Monat für das Training unseres Sohnes bezahlen", sagt Zhao Aizhi, Mutter des heute 13-jährigen Turners Zhao Chuanqi.

Belohnung nur für die Gewinner

Dazu kamen die Ausgaben für Busfahrkarten, regelmäßige Geschenke an die Trainer, nahrhaftes Essen für den jungen Turner. Der Kleine hatte als Medaillenhoffnung gegolten, bevor er von den Funktionären fallengelassen wurde. Fast ein Jahrzehnt lang war der Kleine täglich brutal geschlagen worden, am Ende war alles umsonst. Heute lebt die Familie in einem feuchten Kellerloch in Peking.

Belohnungen gibt es in China nur für die Gewinner. Wer nicht mit Gold um den Hals nach Hause kommt, braucht nicht mit materieller Entlohnung zu rechnen. Silber oder Bronze zählen nichts.

"Wenn wir wieder nur eine Goldmedaille gewinnen, springe ich vom höchsten Gebäude, das ich finden kann", hatte Huang Yubin, Cheftrainer der chinesischen Turner, vor Beginn der Spiele gesagt. Es ist nicht auszuschließen, dass er das ernst gemeint hat. Allerdings muss er nicht springen. China hat neunmal Gold im Turnen geholt. Die "Schmach" von Athen (zweimal Gold) ist überwunden.

Im zweiten Abschnitt: Die Schwäche des Rivalen USA - und wie die Goldgewinner belohnt werden.

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