Von Holger Gertz

Gigantische Abschlusszeremonie im Vogelnest: China trauert um das Feuer, der IOC-Präsident wagt vorsichtig Kritik, und Londons Bürgermeister blamiert sich als Fahnenschwenker.

Am letzten Tag der Olympischen Spiele lag das Vogelnest mal wieder wie versenkt im Dunst, aber gut sichtbar war immerhin das Feuer, das seit 16 Tagen dort brannte, ein orangeroter Fleck in einer grauen Wand aus Nebel, ein Punkt, an dem sich jeder orientieren konnte. Viele Chinesen haben das Feuer fotografiert, und auch wenn solche Rekorde kein Mensch zählt: es ist sicher das am meisten fotografierte und bestaunte Feuer der Welt.

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Die Olympische Flamme: Wohl das am meisten fotografierte und bestaunte Feuer der Welt. (© Foto: Getty Images)

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Man gewöhnt sich an so ein Feuer, wenn es so lange da ist, bestimmt kann man auch stolz sein, dass es da brennt, wo man wohnt. Kinder, die das Feuer von einem der Plätze Pekings aus gesehen haben, wollten von ihren Eltern wissen: Ist das jetzt immer da?

Karten nur für bestellte Jubler

Das Feuer war schön, nur hätten die normalen Menschen gern mehr Karten gehabt für die Veranstaltungen, aber neben vielem anderen war bei den Spielen herausgekommen, dass die Organisatoren die Karten an bestellte Jubler aus der Partei gegeben hatten. Aus Angst, dass etwas außer Kontrolle geraten könnte in einem vollbesetzten Stadion, haben sie den Bürgern diese Eintrittskarten lieber vorenthalten. Sie konnten das ja alles im Fernsehen sehen, und sie hatten ja noch das Feuer.

Das Feuer ist ungefähr das einzige, was man in Peking von Olympia mitbekommen hat, ohne dafür zahlen oder sich für den Anblick irgendwo akkreditieren lassen zu müssen.

Die Schlussfeiern bei Olympischen Spielen sind gefühlige Angelegenheiten, es geht immerhin um den Abschied vom größten Ereignis der Welt. In diesem Fall war bei dem einen oder anderen Gast eine Spur Erleichterung deutlich zu spüren. Bei Jacques Rogge zum Beispiel, dem Chef des Internationalen Olympischen Komitees, der sich nahezu unsichtbar durch diese Veranstaltung laviert hatte und voll Genuss zugriff, als ihm der Pekinger Bürgermeister endlich die Olympische Flagge zurückgab.

Kümmerlicher Fahnenschwenker

Rogge erwies sich als talentierter Fahnenschwenker, vor allem im Vergleich zu Boris Johnson, Londons Bürgermeister, der ein absolut kümmerlicher Fahnenschwenker ist. Aber ein guter Partner werden die Briten sein bis 2012, und deshalb betrachtete Rogge die Wedelversuche Johnsons mit der gelassenen Miene eines Mannes, der gerade erheblich Schlimmeres erlebt hat.

Die Londoner ließen einen ihrer schnaufenden Doppeldeckerbusse ins Stadion fahren, das als Fußballer verkleidete Unterhosenmodel David Beckham trat auf, es wurde gesungen, und dann kickte Beckham einen Ball ins Publikum, traf ihn aber nicht richtig. Es war eine Demonstration des Unvollkommenen, die die Briten da ablieferten.

Es war wie das Kontrastprogramm zu den perfekten Choreographien der Chinesen, so perfekt, dass einem mulmig werden konnte manchmal. Als London den Bus schickte und die merkwürdig frisierten Herren Johnson und Beckham, war es, als würde einer das Fenster aufmachen und frische Luft reinlassen.

Leise Andeutungen

Nachdem die wohlgemute Gesandtschaft aus London wieder weg war, ging das Feuer aus. Die Organisatoren drehten ihm pünktlich den Saft ab, um 21.24 Uhr chinesischer Zeit, und als man im Stadion sah, wie es kleiner und kleiner wurde, zu kämpfen schien und trotzdem nur noch ein Glimmen war, da klatschten die Chinesen im Stadion ganz leise, und man hörte dieses traurige Summen, nicht so deutlich wie in Sydney damals oder in Athen, aber es war da. Und dann war das Feuer aus.

Jacques Rogge, der nichts gesagt hatte die ganzen Wochen, nichts zu Tibet, nichts zu den von der chinesischen Regierung verbotenen Protesten, nichts zu den Greisinnen, die ins Umerziehungslager gebracht wurden, weil sie protestieren wollten - am letzten Tag hat er ein paar Andeutungen gemacht. Bei seiner Rede im Stadion sagte er: "Die Welt hat mehr über China gelernt", was so weit gefasst ist, dass man es verstehen kann, wie man mag.

Er bedankte sich beim Organisationskomitee erst, nachdem er sich bei den Helfern und zuallererst bei den Menschen in China bedankt hatte. Und wenn er die Reihenfolge bewusst gewählt hat, dann war das ein schönes Signal für die Menschen da draußen vor den Zäunen, jenseits des Stadions, ohne deren Freundlichkeit diese Spiele hier eine doppelt deprimierende Angelegenheit geworden wären.

Natürlich hatten die Menschen da draußen auch keine Karten für die Schlussfeier gekriegt, sondern im Fernseher die Musik gehört und durch den Dunst das Feuerwerk gesehen und durch Absperrgitter eine Flamme, die immer kleiner wurde, bis sie einfach nicht mehr da war.

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(SZ vom 25.08.2008/sma)