Olympia Der unglaubliche Torwart

Eishockey-Torwart Danny aus den Birken.

(Foto: Getty Images)
  • Danny aus den Birken hat die deutsche Nationalmannschaft mit seinen Paraden maßgeblich durch das olympische Turnier getragen.
  • Doch vor dem Turnier galt die Torhüter-Position im deutschen Team eher als Schwachstelle.
  • Bundestrainer Marco Sturm hatte vor dem Turnier gesagt, über "drei solide Torhüter" zu verfügen, "die aber auch in ihren Vereinen nicht die klare Nummer eins sind".
Von Max Ferstl

Der Weg vom sportlichen Buhmann- zum Heldentum ist häufig kurz und steil. Der Eishockey-Torhüter Danny aus den Birken hat ihn in etwa neun Monaten beschritten. Im vergangenen Mai, bei der Weltmeisterschaft in Deutschland, war aus den Birken der Idiot der Eishockey-Nation. Gegen die Slowakei hatte er den Puck mit dem Schoner ins eigene Tor gelenkt. Klarer Torwartfehler, dachten alle bis auf aus den Birken. Von einem Reporter behutsam auf die Szene angesprochen, reagierte er dünnhäutig: "Ich weiß, Sie verstehen nicht viel vom Hockey." Es sei viel Verkehr gewesen vor dem Tor. Doch das wollte keiner hören. Aus den Birken fühlte sich ungerecht behandelt.

Am vergangenen Samstag, einen Tag nach dem dramatischen 4:3-Sieg im Halbfinale des Olympischen Turniers gegen Kanada, hat das deutsche Team eine kleine Delegation ins ARD-Studio entsandt. Sie sollte der Nation den größten Erfolg des deutschen Eishockeys erklären.

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Naturgemäß sprechen bei solchen Anlässen keine Hinterbänkler, sondern prägende Akteure. Natürlich war Bundestrainer Marco Sturm da, der über 1000 Mal in der besten Eishockey-Liga der Welt, der NHL, gespielt hatte. Und, keine Frage, auch Christian Ehrhoff, der bei der Abschlussfeier die deutsche Fahne tragen darf. In der Mitte saß, zufrieden lächelnd, Danny aus den Birken. Plötzlich ist interessant, was der Mann mit dem eigenartigen Namen zu sagen hat. Sein Opa habe zu dessen Ursprung geforscht, erzählte aus den Birken mal dem Express: "Möglicherweise lebten unsere Vorfahren in einem Birkenwald."

Danny aus den Birken hat die deutsche Nationalmannschaft mit seinen Paraden maßgeblich durch das olympische Turnier getragen. Ruhig und souverän hielt er die Schüsse, die haltbar waren, und auch ein paar, die eher unhaltbar waren. Aus den Birken stabilisierte die Mannschaft wie ein Stahlträger eine Betondecke. In einer Mannschaft, die bei diesem Turnier geschlossen über sich hinausgewachsen ist, wuchs keiner höher als aus den Birken. Als die Mannschaft im Viertelfinale den hohen Favoriten Schweden bezwang, hob DEB-Präsident Franz Reindl den 33-Jährigen als einzigen namentlich hervor: "Was er gemacht hat, war unglaublich."

Als er spielte, patzte er - und auf Kritik reagierte er gereizt

Nicht einmal der Bundestrainer schien aus den Birken bis vor Kurzem allzu viel zugetraut zu haben. So jedenfalls war Sturms Aussage vor dem Turnier interpretiert worden, zwar über "drei solide Torhüter" zu verfügen, "die aber auch in ihren Vereinen nicht die klare Nummer eins sind". Aus den Birken, Timo Pielmeier (Ingolstadt) und Dennis Endras (Mannheim) teilen sich in ihren Vereinen die Torhüterposition. Zwar spielt aus den Birken beim deutschen Meister EHC München immer dann, wenn entscheidenden Spiele anstehen. Doch Sturm hat andere Vorstellung von einer klaren Nummer eins. Das wären NHL-Torhüter Thomas Greiss von den New York Islanders oder Philipp Grubauer von den Washington Capitals. Doch beide waren nicht verfügbar, weil die NHL ihren Spielern nicht für Olympia freigab.

Deshalb galt die Torhüter-Position im deutschen Team eher als Schwachstelle. Aus den Birken durfte in der Gruppenphase gegen Finnland beginnen - und hielt nur 15 von 20 Schüssen. Pielmeier machte seine Sache gegen Schweden besser, zeigte spektakuläre Paraden. Sturm bevorzugt klare Rollen im Team. Er will eine unumstrittene Nummer eins, die sein Vertrauen spürt. Er musste sich entscheiden. Etwas überraschend wählte er aus den Birken für das entscheidende Gruppenspiel gegen Norwegen.

Bisher sahen viele in dem gebürtigen Düsseldorfer einen sehr guten, aber keinen herausragenden Torhüter. Die Heim-WM schien den Eindruck zu bestätigen: Aus den Birken fungierte als Platzhalter, nachdem sich Greiss verletzt hatte und Grubauer noch nicht eingetroffen war. Als er spielte, patzte er. Auf Kritik reagierte er gereizt. Auch so ein Ruf, der ihm anhaftet, ebenso wie die Tendenz, Schüsse nach vorne prallen zu lassen anstatt sie festzuhalten.

Bei Olympia hat sich aus den Birken spielerisch auf ein neues Niveau gehoben. Als es gegen Norwegen ins Penalty-Schießen ging, rettete er mit spektakulären Paraden. Als die Schweden im Schlussdrittel die Verteidigung einige Male ausmanövrierten, bewahrte er Ruhe. Als die Kanadier mangels spielerischer Lösungen die Scheiben einfach aufs Tor schossen, gestattete er keine Abpraller. Und gegen die Russen, im großen Finale, musste er zwar zwei Tore in der kurzen, seiner Torwartecke hinnehmen - doch er hielt auch oft stark, wehrte kaum Schüsse nach vorne ab. Beim 3:4 in der Verlängerung war er machtlos.

Neben dem Eis wirkt er in den Tagen von Pyeongchang gelöster als früher, spricht in viele Kameras und Mikrofone. Er scheint den Moment zu genießen. Er bekommt die Anerkennung, die ihm oft verwehrt blieb - und hebt dabei stets die mannschaftliche Geschlossenheit hervor. Als ARD-Moderator Gerhard Delling auf seine persönliche Entwicklung anspielte (vom Teilzeit-Torhüter im Verein zum Leistungsträger der Nationalmannschaft), verwies aus den Birken lieber auf seine Kollegen: "Die Jungs vor mir blocken viele Schüsse, enorm viele Schüsse. Das hilft mir, ins Spiel zu kommen." Widerspruch Delling: Also diese Reflexe, "Hut ab". Widerspruch aus den Birken: "Ich bin der Meinung, es ist Teamsport. Es ist unser Erfolg." Danny aus den Birken hat in diesen Tagen stets das letzte Wort. Nach der Finalniederlage war er einer der Ersten, die ihr Lächeln wiederfanden. Es war ein besonderes Lächeln: mit der Silbermedaille zwischen den Zähnen.

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