Von Holger Gertz

Die Chinesen erwarten die ersten Olympischen Spiele im eigenen Land mit Begeisterung - weil ihnen viele Informationen vorenthalten werden.

Vor ein paar Wochen warteten viele Chinesen vor einem Bankhaus in Peking, manche hatten eine Art Schlafmatte dabei, um auch die Nächte durchhalten zu können. Viele warteten mehr als 48 Stunden. Man bekam keine Eintrittskarten für olympische Wettbewerbe bei dieser Bank, sondern nur Sondergeldscheine, die anlässlich der Spiele ausgegeben worden waren. 10-Yuan-Noten, statt Mao ist das neue Nationalstadion drauf, das Vogelnest. Irgendwann öffnete sich eine Tür der Bank, und die Chinesen drängten und schubsten, man konnte die Bilder auch im deutschen Fernsehen sehen. Sie kämpften dafür, eine dieser Banknoten zu kriegen. Ein Mann, der kein Glück hatte, rief: "Ich bin Chinese, ich habe doch wohl ein Recht darauf, so einen Schein zu besitzen." Eine Frau, die mehr Glück hatte, sagte, sie werde das olympische Geld den Rest des Lebens hinter Glas aufbewahren, den entsprechenden Rahmen habe sie längst besorgt.

Bild vergrößern

One world, one dream? China vor den Olympischen Spielen. (© Foto: Reuters)

Anzeige

Sechs Millionen der Geldscheine mit dem Vogelnest sind in Umlauf gebracht worden, wobei sie nicht in Umlauf sind. Sie werden von den Chinesen gehütet, in vielen kleinen Wohnungen, als Souvenir und bleibendes Andenken an die Zeit, als die Olympischen Spiele in ihrem Land stattfanden und alle aus dem Ausland da waren, um mit ihnen die Olympischen Spiele zu feiern. "One World, one dream" ist doch das Motto, es hängt auf riesigen Plakaten überall in der Stadt.

Aber wer das Land besucht wegen der Spiele, wird viel kritisieren können, eigentlich alles, das hat sich schon gezeigt. Man kommt nicht überall ins Internet, es hat Dopingfälle gegeben und Enthüllungen über den Umgang mit Doping gerade in China. Die Menschenrechtsverletzungen sind ein Thema bei den Besuchern aus dem Ausland, und manchem fällt auf, dass es manchmal so eigentümlich knackt, während er telefoniert. Mancher schaut im Hotel auch im Blumenkübel nach, ob da eine Wanze versteckt ist. Mancher wundert sich, warum er seine Akkreditierung vorzeigen muss, wenn er nur in den Frühstücksraum will.

Das ist das eine China, das einem begegnet. Und dann verlässt man das Hotel, um draußen noch eine zu rauchen, bevor der Bus kommt, und es trippelt eine freiwillige Helferin auf einen zu in ihrem offiziellen Olympia-T-Shirt. Sie will das Englisch ausprobieren, das alle lernen mussten, die mit Olympia zu tun haben. "You are journalist?", fragt sie. Yes, from Germany. "Oh", sagt sie, aber ihr Englisch trägt sie nicht weit. Sie versucht die Worte rauszubringen, aber sie fehlen ihr. Schließlich sieht sie die Zigarette. "Cigarette from China?" Yes, from China. Sie lächelt, sie ist jetzt ein bisschen stolz: "Is the cigarette okay, Sir?"

So geht es einem, vorm Hotel, in der Stadt, überall. Neulich, es hatte spät abends geregnet, bekam man in einer Viertelstunde von fünf chinesischen Bürgern einen Platz unterm Schirm angeboten. Oder, jemand holt einen Pin aus der Tasche, eine dieser kleinen Nadeln mit Olympiafiguren drauf, und fragt mit den Händen, ob man auch so eine Nadel hat, zum Tauschen vielleicht. Die Chinesen suchen den Kontakt, und viele erzählen auch etwas, das man leider nicht versteht. Und immer kommen sie mit ihren Fotoapparaten. Neulich beim Einstellen des Handys auf das chinesische Netz wollte die Frau am Schalter ein Foto mit dieser akkreditierten Langnase aus Germany, die andere Frau am Schalter stand schon mit einer kleinen Kamera bereit, aber dann kam ein Mann, irgendein Offizieller, und rief etwas, und der Fotoapparat verschwand schnell wieder in seiner Schutzhülle.

Klar, man kann sagen: Das Lächeln ist nicht echt, die haben das Lächeln extra trainiert, wie diesen kerzengeraden Gang, das stimmt ja auch alles, aber das trifft es nur zum Teil. Jenseits des offiziellen olympischen Areals tragen die Chinesen keine Olympiauniform und sprechen nicht einen Brocken Englisch, aber dass sie stolz sind und sich freuen über den Besuch, versteht man auch ohne Worte. Und vielleicht kommen die jungen Männer und Frauen, die überall schnell um einen herumstehen, gar nicht alle von der Staatssicherheit, sondern sind einfach ein paar Leute, denen es gefällt, mit einem Fremden am Straßenrand zu warten und ein paar Minuten mal nach links zu den grauen Häusern zu schauen und mal nach oben in den grauen Himmel.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Die Welt in Kinderblicken
  2. Die Welt in Kinderblicken
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...