Ende der Russland-Sanktionen Das Signal des IOC: Macht, was ihr wollt!

Bei den Winterspielen in Pyeongchang durften Russlands Athleten nur unter neutraler Flagge antreten.

(Foto: AP)

Russland darf wieder ins olympische Haus - und das ohne große Bedingungen nach der Staatsdoping-Affäre. Die Entscheidung gleicht einer Einladung zum Betrügen.

Kommentar von Claudio Catuogno

Juhu! Russland "ist wieder vollständiges Mitglied der internationalen olympischen Familie", jubelte am Mittwoch Alexander Schukow, der Präsident des russischen Olympia-Komitees. Die Suspendierung, ausgesprochen vor den Pyeongchang-Spielen als Reaktion auf den organisierten Dopingbetrug 2014 in Sotschi, ist aufgehoben. Die russischen Athleten dürfen jetzt wieder ganz offiziell mitmachen, ihre Hymne singen, ihre Fahne schwenken - und auch diese demütigend neutrale Teamkleidung mit der Kennung OAR ("Olympische Athleten aus Russland"), mit der 168 Russen auf spezielle IOC-Einladung hin in Pyeongchang dabei waren, wird eingemottet.

Das Bild von der Familie ist in dem Zusammenhang wohl das richtige. In der Familie wird - oft auch jenseits jeder Logik - meist mehr verziehen als anderswo. In der Familie hängt man aneinander, kommt nicht voneinander los. Nun sind die Russen wieder eingezogen ins olympische Haus, selbstbewusst durch die Vordertür, für all die Intrigen gilt ein flottes "Schwamm drüber". Wie so oft in derlei Versöhnungs-Geschichten sind es nicht die Beteiligten selbst, sondern wohlmeinende Freunde, die von außen auf diese Beziehung blicken und sich fragen: Ändert sich da jetzt eigentlich was? Oder geht das jetzt wieder von vorne los mit den Demütigungen, dem Betrug?

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Für die Intrigen gilt ein flottes "Schwamm drüber"

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und sein deutscher Präsident Thomas Bach waren die Gehörnten in dieser Geschichte, das hat Bach selbst gesagt: Als "nie dagewesenen Angriff auf die Integrität der Olympischen Spiele" hatte Bach das russische Staatsdoping bezeichnet (freilich ohne es auch Staatsdoping zu nennen). Und jetzt? Hat er die Russen trotzdem wieder an den gemeinsamen Tisch gebeten, zum Entsetzen vieler Anti-Doping-Agenturen, und: ohne eine ernst zu nehmende Bedingung. Okay, 15 Millionen Euro Strafe wurden überwiesen, und ja: Die Dopingfälle eines Curlers und einer Bobfahrerin in Südkorea haben die avisierte Rehabilitierung pünktlich zur Schlussfeier verhindert. Aber nun waren ja alle weiteren Proben russischer Sportler negativ! Also: Kein Doping mehr in Russland! Willkommen zurück!

Diese Argumentation ist schon angesichts der bekannten Lücken im Testsystem derart dünn, dass man es wohl so sagen muss: Bachs IOC ist in dieser Familientragödie der Partner, der geschlagen werden will. Hauptsache, die Wunden können überschminkt werden. Hauptsache, man kann draußen weiter die Geschichte erzählen von sauberen Spielen, Fair Play und olympischem Geist. Diese Geschichte ist die Geschäftsgrundlage des Kommerzbetriebs. Würde Bach die Tür einen Spalt breit öffnen und den Blick zulassen darauf, wie es wirklich ist: Er könnte den Laden dicht machen.

Tatsächlich sieht aber längst die ganze Welt die Wunden. Das Signal hinter der Rehabilitierung, die noch nicht mal die Anerkennung eines Problems zur Bedingung macht, ist eine Katastrophe. Es ist geradezu eine Einladung an die ebenfalls sehr medaillenfixierten und ebenfalls nicht für große Skrupel bekannten Chinesen, Gastgeber der nächsten Wintersause 2022: Macht, was ihr für geboten haltet, am Ende finden wir eine Lösung! In Wahrheit ist längst Thomas Bachs Verharmlosen und Vertuschen im Anti-Doping-Kampf der größte Angriff auf die Integrität der Olympischen Spiele.

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