Olympia Clean und rein - wie beim Imagefilm

Leere Stadion sind bei Olympia in Pyeongchang die Regel, nur der der TV-Zuschauer sind das kaum.

(Foto: REUTERS)
  • Das IOC produziert die meisten TV-Bilder bei den Olympischen Spielen selbst - und zeigt daher eher selten verwaiste Tribünen.
  • Auch die Startzeiten sind für den Fernsehzuschauer angesetzt - weil er längst wichtiger geworden ist als der Fan vor Ort.
  • Hier geht es zu den Ergebnissen bei Olympia.
Von Thomas Hummel

Da klickt man sich im Eurosport-Player fast zufällig rein ins Shorttrack bei Olympia, und plötzlich knistert es aus dem Bildschirm heraus. Finale über 500 Meter der Frauen, die Halle ist voll, eine Südkoreanerin ist dabei, Begeisterung, Lautstärke, Spannung. Schon bei der Vorstellung werden die Finalistinnen bejubelt. Als sie zum Start gerufen werden, entsteht dieser magische Augenblick der Stille. Keiner der fast 12 000 Menschen wagt einen Laut. Als würde die Welt stehenbleiben im Wissen, sich gleich wie ein Kreisel zu drehen. Der Schuss, die Sportlerinnen rasen los, die Halle erbebt unter dem Gebrüll der Leute.

Die Gangneung Ice Arena ist die große Ausnahme unter den Wettkampfstätten dieser Winterspiele. Shorttrack ist in Südkorea zusammen mit Eiskunstlaufen die Nummer eins im Wintersport, hier sieht man am Fernseher, dass sich die Zuschauer drängeln. Doch sonst? Beim Skispringen ist es zum Beispiel so einsam, dass sich Bundestrainer Werner Schuster fühlte wie beim "Deutschlandpokal". Das ist eine Jugendveranstaltung, im vergangenen Jahr unter anderem ausgetragen in der Werner-Lesser-Skisprung-Anlage in Brotterode, Landkreis Schmalkalden-Meiningen.

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Diese Winterspiele sind ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) der Fernsehzuschauer wichtiger ist als das Publikum am Wettkampfort. IOC-Eventchef Kit McConnell wies zwar die Vermutung von sich, dass die Interessen der Fernsehanstalten bei der Gestaltung des Zeitplans Vorrang vor denen der Sportler und Zuschauer am Ort hätten: "Die Athleten sind am wichtigsten."

Aber der US-Sender NBC zahlte viele Milliarden Euro ans IOC für die Senderechte, und so findet das in Nordamerika populäre Eiskunstlaufen am südkoreanischen Vormittag statt - Primetime in den USA. Skispringen und Biathlon sind für den europäischen Markt wichtig, also hüpfen die Athleten teilweise nach Mitternacht die Schanzen runter und Laura Dahlmeier friert im Dunkeln. Kann man den Südkoreanern verdenken, dass sie wenig Lust haben, bei gefühlten Minus 20 Grad mitten in der Nacht an einer Skisprungschanze zu stehen? Bei der Siegerehrung von Andreas Wellinger war kaum noch jemand da. "Die da immer noch stehen nach Zwölf, da muss ich sagen: Respekt. Es war arschkalt und es war windig wie Sau", sagte er.

Die Frage lautet nun, ob das Kalkül des IOC und der übertragenden Sender überhaupt aufgeht. Wertet das einen Wettbewerb nicht kolossal ab, wenn man im Fernsehen sieht, dass außer Trainern, Betreuern, Familien und anderen Sportlern kaum einer da ist? Nach dem Motto: Da sind Olympischen Spiele - und keiner geht hin. Kommunikationswissenschaftler Jörg-Uwe Nieland sagt: "Das schadet dem Produkt. Für die Zuschauer am Fernsehen macht es das weniger attraktiv." Ultra-Fangruppen im Fußball argumentieren in diesem Fall ähnlich.

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Das IOC hingegen verzichtet weitgehend auf die Wirkung voller Stadien. Dass in Pyeongchang in vielen Sportarten kaum Zuschauer sein werden, wusste man vorher. Zu unbekannt sind die Disziplinen in Südkorea, zu wenig in der Kultur des Landes verankert. Doch das IOC hat sich einen großen Vorteil verschafft: Die allermeisten Bilder aus den Stadien in Pyeongchang produziert der Weltverband selbst: genauer die Tochtergesellschaft Olympic Broadcasting Services (OBS).

Seit Peking 2008 hat die OBS bei Olympia die komplette Übertragung der Wettbewerbe übernommen. Sie nimmt das Material auf, lädt es auf eine Plattform hoch, wo sich die Lizenznehmer in aller Welt dann bedienen. Diese können mit eigenen Moderatoren kommentieren. Will ein Sender Zusatzkameras aufstellen und eigene Bilder produzieren, kostet das extra. Das OBS erklärt, das spare den Sendern viel Geld. Aber so entscheidet eben der Veranstalter, welche Bilder der Zuschauer sieht. Und warum sollte das IOC die Tristesse im Biathlon-Stadion intensiv dokumentieren? Oder das Desinteresse am Skispringen? Die großen Fußballverbände kontrollieren inzwischen ebenfalls die Bilder von ihren Turnieren, weshalb von Fanprotesten oder Flitzern kaum mehr etwas zu sehen ist. Alles clean, alles rein - wie bei einem Imagefilm. Die Marken WM oder Olympia müssen frisch poliert sein für den Weltmarkt. Ungebetene Gäste oder Störfälle werden einfach rausgeschnitten.

Die wenigen Zuschauer werden extra nah herangezogen

So ist in Pyeongchang auffällig, dass selbst die kleinsten Fangruppen groß im Bild erscheinen, extra nah herangezoomt, um die leeren Ränge drumherum möglichst verschwinden zu lassen. Auch der Lärmpegel ist verblüffend hoch, dabei bejubelte zum Beispiel nur eine Handvoll Menschen die Läufer beim Buckelpisten-Event der Männer. Völlig ausblenden kann das IOC die Realität natürlich nicht - die Bild-Korrektur fällt spätestens dann in sich zusammen, wenn Sportler wie Andreas Wellinger in den Interviews einfach sagen, dass wenig los war.

Aber das Image der Spiele als hochinteressante Massenveranstaltung mit den ganz großen Emotionen soll unbedingt bewahrt bleiben. Laut Forscher Jörg-Uwe Nieland hat das IOC eine klare Entscheidung getroffen: "Das Präsenz-Publikum im Stadion ist nicht zwingend notwendig", sagt er. Solange das viel größere Medienpublikum gut unterhalten wird.

Was einem entgeht, merkt man erst, wenn man sich am Bildschirm in die Gangneung Ice Arena verläuft. Die Südkoreanerin Choi Min-jeong kämpfte im Shorttrack-Finale bis zum letzten Zentimeter um den Sieg, die Halle tobte. Um kurz darauf in Trauer und Entsetzen zu verfallen. Das ganz große Drama. Denn Choi verlor nicht nur den Endspurt knapp, sie wurde wegen eines unfairen Manövers während des Rennens vom Kampfgericht auch noch disqualifiziert.

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