Olympias Kunsteisbahn - eine einzige Farce. Zur gefährlichen Kurve 13 kommt in der Viererbob-Entscheidung eine merkwürdige Bahn-Präparation, die für böse Unterstellungen sorgt.
Das Geräusch ist erst leise, so ein Rumpeln, wie ein Güterzug in der Ferne, so klingt es. Die Menschen an Kurve 13 stehen still, viele heben ihren Fotoapparat hoch, den Finger auf dem Auslöser, sie sehen ein bisschen nervös und aufgeregt. Je näher man einem Ereignis ist, desto aufgeregter ist man ja, und die Menschen hier, an der Bob-Bahn im Whistler Sliding Centre, sie sind verdammt nah, sie könnten hineingreifen in die Bahn, das Eis berühren.
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André Lange trotzte den schwierigen Umständen in Whistler und gewann im Viererbob Silber. (© Foto: Reuters)
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Einen Moment lang steht die Welt still, dann wird das Geräusch lauter, lauter, und dann, wie ein Schlag, explodiert das Geräusch, ein Bob schießt vorbei, ein Güterzug mit nur einem Waggon, nur viel, viel schneller. Die Menschen drücken auf die Auslöser, einige schreien, manche erschrecken, und dann ist es schon wieder vorbei.
Bobrennsport ist ein Spektakel, Viererbob zumal, die Schlitten sind groß und schwer, und wenn sie durch die Bahn hindurchfahren, dann sieht es an manchen Stellen aus, als würden sie gar nicht mehr hineinpassen in den Kanal, als würden sie ihn sprengen mit ihrer Wucht. Aber die Menschen lieben Spektakel, und die Kurve 13 der olympischen Bahn von Whistler ist berühmt geworden im Laufe dieser Spiele, das Spektakel ist hier besonders groß. Sie ist eine sehr kurze Rechts-Kurve, der Bob ändert nur unwesentlich die Richtung, aber die Einfahrt ist schon schwierig und die Ausfahrt noch schwieriger, weil gleich danach die nächste Kurve folgt.
Die Piloten müssen ihr gewaltiges Gefährt präzise und schnell steuern, es geht um Millimeter, die entscheiden zwischen weiterfahren und umkippen. Ein paar Millimeter sind bei 150 km/h ein sehr kleiner Spielraum.
Am ersten Tag des Viererbob-Rennens sind fünf Teams gestürzt, alle in Kurve 13. Sie nennen die Kurve hier "Fifty-Fifty", weil es hieß, die Chance, heil durchzukommen, liege bei 50 Prozent. Wenngleich, wie John Gibson, Sprecher des Organisationskomitees für die Bahn, kurz vor Olympia sagte, die Quote 50:50 stimme nicht mehr, weil das Profil nachgebessert worden sei. Es sei eher eine Quote von 80:20. Wolfgang Hoppe, der Bundestrainer der Frauen, nannte das Rennen am Freitagabend jedenfalls eine "Farce", und befand, man müsse es abbrechen, "dann gibt es halt keinen Olympiasieger im Viererbob".
Am zweiten Renntag, am Samstag, ist keiner mehr gestürzt, und weil André Lange als bester Bobpilot der Geschichte Silber gewann und mit dieser Silbermedaille nun seine Karriere beendet, war die Bahn auch kein so großes Thema mehr. Sport ist schnelllebig, die Themen von gestern werden vergessen. Man musste genauer aufpassen, wenn man hören wollte, was gerne verdrängt werden würde.
Karl Angerer, Pilot des Bobs Deutschland III, zum Beispiel sagte nach dem dritten von vier Läufen: "Wir haben vier Jahre lang hart gearbeitet, und jetzt sieht es für mich hier eher nach einer Lotterie aus als nach einem Wettkampf. Die Strecke wurde wieder langsamer gemacht, mit Bobfahren hat das nicht mehr viel zu tun." Angerer sprach damit eine Maßnahme der Rennleitung an, die vielleicht die letzte lächerliche Pointe war in diesen zwei Wochen voller Probleme hier.
Über Nacht eine andere Strecke
Dass die Bahn die schnellste der Welt sei, das wurde schon oft thematisiert, auch, dass sie zu schnell ist, wohl auch zu gefährlich, um dort ein Rennen auszutragen, bei dem naturgemäß nicht nur Piloten wie André Lange starten, die so gut sind, dass ihnen eine Bahn gar nicht schwierig genug sein kann. Nach den Stürzen am ersten Renntag hatte sich nun herausgestellt, dass die Bahn am Vorabend mit Wasser gespritzt worden war, durch die Kälte in der Nacht wurde sie dadurch schneller; im Grunde waren es ganz andere Bedingungen als zuvor, die Bahntemperatur war vier Grad niedriger als noch im Training.
Für den zweiten Renntag wurde wegen der Stürze auf die Behandlung mit Wasser verzichtet, die Bahntemperatur wurde erhöht, die Bahn wurde wieder langsamer. Innerhalb kurzer Zeit derart unterschiedliche Bedingungen zu schaffen, in einem Hochgeschwindigkeitssport wie Viererbob, das kann man als durchaus sehr unklug bezeichnen. Warum dies geschah, dazu gab es bislang keine offiziellen Aussagen, Gerüchte dagegen mehrere, böse Unterstellungen auch. Die Kanadier hatten auf die Trainingsläufe verzichtet, weil sie die Bahn auswendig kannten; durch die Temperaturunterschiede war das Training dann eher zum Nachteil für die geworden, die fuhren. Die Kanadier gewannen Bronze, knapp hinter Lange und den USA.
Wie es nun weitergeht mit der Bahn, auf der Weltcup-Rennen ausgetragen werden sollen, ist noch unklar. Wahrscheinlich aber wird nichts passieren, bevor das nächste Rennen hier stattfindet, weil der Reiz des Anspruchsvollen, des Grenzwertigen wohl irgendwie doch zu verlockend ist. Kevin Kuske, André Langes Anschieber, sagte nach dem Rennen, Steven Holcomb, der Pilot des Siegerbobs USA, habe "uns gezeigt, dass die Bahn fahrbar ist. Und dass man Probleme hat, das gibt es auf jeder Bahn."
Ein paar Meter entfernt von Kuske stand Tuffy Latour, Kanadas Trainer, er sagte: "In einem Jahr schon wird man über diese Bahn nur noch als großartige Rennbahn sprechen."
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(sueddeutsche.de/aum)
Union debattiert über Familienpolitik