Olympia "Von der Goldmedaille bis zur Holzmedaille war alles möglich"

Erik Lesser, Benedikt Doll, Arnd Peiffer und Simon Schempp bejubeln Bronze.

(Foto: Getty Images)
Von Saskia Aleythe, Pyeongchang

Am Ende drehte Simon Schempp vielleicht ein bisschen zu spät. Es war das letzte Liegendschießen der Staffel, das letzte Liegendschießen der Olympischen Spiele, und der Wind frischte auf. Schempp schoss, eine Scheibe blieb schwarz, die zweite Scheibe blieb schwarz - dann korrigierte der Schlussläufer den Diopter an seinem Gewehr. Es klappte. Er vermied die Strafrunde und sicherte die Medaille zum Abschluss. Erik Lesser, Benedikt Doll, Arnd Peiffer und Simon Schempp haben über die 4x7,5 Kilometer der Olympischen Spiele von Pyeongchang Bronze gewonnen. Schweden gewann Gold vor Norwegen.

"Es haben alle gesehen, wie schwer erkämpft diese Medaille war. Bei dem wechselnden Wind brauchte man auch Glück. Man muss heilfroh sein, wenn man hier mit einer Medaille nach Hause fahren kann", sagte Bundestrainer Mark Kirchner: "Wir sind glücklich, dass jeder eine Medaille hat. Mehr konnten wir hier nicht erreichen." Lesser sagte: "Die Spannung ist nicht zum Aushalten gewesen. Das war ein Wechselbad der Gefühle, von der Goldmedaille bis zur Holzmedaille war in diesem Rennen alles möglich."

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Nach dem Sieg von Peiffer im Sprint, Silber von Schempp im Massenstart und Bronze von Doll in der Verfolgung ist es die vierte Medaille für die deutschen Männer insgesamt. Zusammen mit den drei Medaillen von Laura Dahlmeier beendeten die Deutschen die Biathlon-Wettbewerbe als erfolgreichste Nation.

Erik Lesser hatte eine Kampfansage vor diesem Rennen in die Welt geschickt, "unser Ziel ist nicht Bronze, sondern Gold. Wir haben Großes vor", sagte der 29-Jährige vor dem Start. Er war ja der Einzige gewesen, der in Sotschi vor vier Jahren eine Medaille in einem Einzelrennen gewonnen hatte, in Pyeongchang war er nun der einzige von den vier Staffelmännern, der sich noch nicht mit einer Medaille belohnen konnte.

Im Gegensatz zur Frauen-Staffel mussten die Männer nicht durch einen Schneesturm laufen. Wind war schon noch da, aber zunächst wehte er ein bisschen schwächer. Lesser ging also auf die Runde, schoss schnell und sicher und führte die Truppe früh an. Beim Stehendschießen musste er einen Nachlader bemühen, was aber zu verschmerzen war: Lesser ist in dieser Saison zum Schnellschützen geworden, womit er so manchen Zeitverlust beim Nachladen verkraften kann.

Mitfavorit Frankreich schoss sich mit Startläufer Simon Desthieux schon früh aus dem Wettbewerb. Stehend brachte er fünf Schuss nicht unter - das bedeutete zwei Strafrunden. Martin Fourcade musste zusehen, wie seine Chancen auf eine weitere Olympia-Medaille in der Strafrunde kreiselten.

Lesser übergab als Führender an Benedikt Doll, mit einem Vorsprung von 18,4 Sekunden auf die Slowakei. "Das Rennen hat ziemlich Spaß gemacht. Der Fehler war knapp, sonst wäre ich mit nullfünf, nullfünf hier rausgegangen", sagte Lesser während des Rennens der ARD.

Doll hatte sich in Pyeongchang ja schon Bronze in der Verfolgung geschnappt und sein letztes Rennen am vergangenen Sonntag bestritten, was einen dann ja auch ein bisschen frischer in so einen Medaillenkampf gehen lässt. Der 27-Jährige kam zum ersten Schießen, legte sich hin, traf fünf Mal, stand wieder auf, als seine Verfolger gerade erst die Matten ansteuerten. Er war in Pyeongchang bisher der sicherste Schütze gewesen, hatte sich nie mehr als einen Fehler geleistet, obwohl gerade das Stehendschießen ihm in der Vergangenheit oft das Podest vermiest hatte.

Und diesmal - wieder: So sicher er im Liegendschießen war, fing er nun an, zu wackeln. Fünf Schüsse traf er nicht. Als der letzte daneben ging, schaute er für die Winzigkeit einer Sekunde mit rotem Kopf fassungslos auf die Scheiben. Dann fluchte er und stürzte sich in die beiden Strafrunden. "Ich habs grundsätzlich nicht gut gemacht, ich war am Schießstand nicht ganz wach", sagte Doll in der ARD. Er schaffte es noch, den Rückstand auf 37,2 Sekunden auf die mittlerweile führenden Tschechen zu beschränken. Arnd Peiffer ging auf die Piste.

Um ihn hatte es viel Wirbel gegeben bei diesen Spielen, erst war er Olympiasieger im Sprint geworden, dann erwischte er einen schwarzen Tag in der Mixed-Staffel, was das Team eine Medaille kostete. "Das war eine einmalige Sache. Arnd ist ein super zuverlässiger Sportler", meinte Teamkollege Doll aufbauend, und so war Peiffer nun gefragt, sein Team wieder in die Medaillenränge zu laufen.

Er blieb im Liegendschießen fehlerfrei und verkürzte den Rückstand auf 17,9 Sekunden - vorne übernahm Einzel-Olympiasieger Johannes Thingnes Bö die Führung. Der überragende Skater des Feldes lief einen Vorsprung auf die Konkurrenten raus und konnte sich bei nun stärkerem Wind einen Nachlader erlauben. Er blieb in Führung, der Schwede Sebastian Samuelsson folgte ihm. Arnd Peiffer betrieb Wiedergutmachung, schoss fehlerfrei und schickte Schlussläufer Simon Schempp mit nur 13,7 Sekunden Rückstand auf dem Bronze-Rang auf die Strecke. "Ich war froh, dass ich eine gute Leistung zeigen konnte", sagte Peiffer.

Schempp schoss drei Fehler im ersten Schießen, gar eine Strafrunde im Stehendschießen, kam mit den zunehmenden Böen nicht klar und häufte einen Rückstand von fast zwei Minuten an - und sicherte damit trotzdem den dritten Platz.

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