Olympia-Bewerbung 2018 Münchens teurer Stratege

Die Bewerber um Oberbürgermeister Ude reden nur ungern über den neuen Berater - einen Mann, der auch für einen jordanischen Prinzen und die Russen arbeitet und ein rares Gut verkauft.

Von Jens Weinreich

Mit einem Fauxpas auf einer Veranstaltung in Vancouver hat Münchens Oberbürgermeister Christian Ude für Aufregung gesorgt: Niemals, so erzählte er seinen Zuhörern, "niemals" habe es einen "ernsthaften" Vorfall auf der Wiesn gegeben. Ein schlimmer Fehler, denn am 26. September 1980 explodierte eine Bombe direkt am Eingang Theresienwiese - 13 Menschen kamen ums Leben, 211 wurden verletzt, 68 davon schwer. Am Dienstagmorgen entschuldigte sich Ude für seine Aussage. "Ich bedaure dieses Missverständnis außerordentlich", erklärte der Münchner OB: "Selbstverständlich sollte mit keinem Wort die Erinnerung an das schreckliche Wiesn-Attentat von 1980 in Frage gestellt werden." Aber nicht nur wegen Udes verbalem Ausrutscher gibt es rund um die Münchner Olympiabewerbung Aufregung - sondern auch wegen des neuen Beraters.

Die Münchner Olympiabewerbung für 2018 hat einen neuen Berater.

(Foto: Foto: Getty)

Jon Tibbs braucht vor allem Stehvermögen. Die Nächte sind kurz, die Aufgaben delikat. Er pendelt zwischen dem Westin Bayshore Hotel, wo das IOC residiert, dem Deutschen Haus im Harbour Centre und dem Russky Dom, der überdimensionierten Heimstätte der Russen im Science Centre.

In Vancouver betreut er gleich drei wichtige Klienten: den jordanischen Prinzen Feisal, der am Freitag ins IOC aufgenommen wurde. Tibbs arbeitet seit langem für Sotschi, Gastgeber der Winterspiele 2014. Seit Oktober ist er auch für Münchens Olympiabewerber tätig. Tibbs verkauft ein rares Gut im olympischen Zirkus, das er mit zwei Worten beschreibt: "Gewinnbringende Kommunikationskampagnen".

Die Verpflichtung von Job Tibbs haben die Münchner nicht aktiv kommuniziert. Auf die Personalie angesprochen, reagieren sie einsilbig. Oberbürgermeister Christian Ude formuliert kryptisch, er habe "keine einzelnen Bekanntschaften mit Personen, deren Dienstleistung man in Anspruch nimmt". Bernhard Schwank, Co-Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft, erklärt: "Tibbs ist für internationale Kommunikation zuständig und spielt seine erstklassigen Kontakte aus. Wir haben aber keine Lobbyisten unter Vertrag genommen."

Lobbyisten gelten im olympischen Bereich spätestens seit dem IOC-Bestechungsskandal als Männer mit den Geldkoffern. Das ist so falsch wie richtig. "Ich bin kein Lobbyist", sagt Jon Tibbs. In Vancouver hat er zunächst Katarina Witt und Willy Bogner, die so genannten Gesichter der Bewerbung, mit den wenigen einflussreichen Berichterstattern zusammengebracht: Reporter großer internationaler Nachrichtenagenturen und Herausgeber von Branchendiensten. Tibbs arbeitet zielgruppenoptimiert. Es geht um Kommunikationshoheit. Tibbs sagt: "Wir müssen Tempo aufnehmen!"

Seine Agentur "Jon Tibbs Associates" ist eigentlich ein Zwei-Personen-Betrieb, zu dem noch Séverine Hubert gehört, die jeden kennt in der olympischen Familie. Für München arbeiten "sechs oder sieben Leute" unter seiner Ägide. Und München hat weitere Fachkräfte angeheuert. Die internationale Pressekonferenz der Bewerber in der Nacht zum Dienstag (MEZ), auf der auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière auftrat, bereitete George Hirthler mit vor. Der Mann aus Atlanta gilt als weltweit bester Schreiber von Bewerbungsbüchern. Er betreut mit München schon die zehnte Bewerbung.

In Vancouver erstellt Hirthler Präsentationen, Reden und Statements, gibt Ratschläge. Es heißt, Spitzenkräfte unter den Olympiastrategen könnten bis zu 8000 Euro pro Tag berechnen. Fürstliche Honorare waren bei zurückliegenden Bewerbungen (etwa Berlin, Leipzig, Salzburg) stets Themen von Debatten und Skandalen. Zahlen zur Verpflichtung von Jon Tibbs werden nicht genannt. "Ich werde dem Markt angemessen bezahlt", sagt er. "Verträge sind grundsätzlich vertraulich und nicht öffentlich", sagt Schwank.

Engländer vs. Engländer

Neben München bewerben sich Pyeongchang (Südkorea) und Annecy (Frankreich) um die Winterspiele 2018. Annecy nimmt niemand ernst, nicht einmal die Franzosen selbst. In Wirklichkeit ist es ein Zweikampf zwischen München und Pyeongchang. Und es ist ein Duell der spin doctors: Jon Tibbs (München) gegen Mike Lee (Pyeongchang). Beide Engländer, beide kampferprobt.Jon Tibbs hat drei Olympiabewerbungen erfolgreich bestritten: Athen 2004, Peking 2008, Sotschi 2014.

Mike Lee gewann zweimal: London 2012, Rio de Janeiro 2016. Über ihre Flops reden sie ungern. Tibbs unterlag, zum Beispiel, mit Paris und Tokio. Lee verlor mit Salzburg und Doha. Anders als Tibbs, der sich lieber im Hintergrund hält und nur selten in Medien erwähnt wird, verkauft Lee sich als Held. Über Londons Olympiasieg hat er mit zwei Journalisten ein Buch geschrieben, das viele hübsche Episoden, aber vor allem die Botschaft erzählt: Ohne mich wäre London nichts geworden!

Früher für Labour aktiv

Er hat einst mit politischen Kampagnen für die englische Labour-Partei begonnen. Tibbs war bis Ende der 1990er Jahre Direktor der berüchtigten PR-Weißwäscher von Hill&Knowlton, bevor er seine eigene Firma gründete. "Ich bin einige Jahre länger im Geschäft als Mike", sagt Tibbs. "Ich denke, dass ich mehr Erfahrung habe." Es irritiert, dass Lee mit seiner Agentur "Vero Communications" für die Olympiabewerbung Peyongchangs arbeitet und gleichzeitig für die Bewerbung Katars um die Fußball-WM 2022. Einer der Konkurrenten Katars ist Südkorea. Tibbs ist über ein Mandat für die britische Regierung indirekt in die WM-Bewerbung eingebunden.

Die Fußball-Weltmeisterschaften der Jahre 2018 und 2022 werden im Dezember 2010 von der Fifa vergeben. Sieben Monate später, Anfang Juli 2011, entscheidet das IOC in Durban über die Winterspiele 2018. Beide Wahlen sind im Zusammenhang zu betrachten, mit vielfältigen Optionen. Beide Wahlen werden dadurch verkompliziert, dass es in der Fifa auch um die Präsidialwahlen 2011 geht - und dass im IOC 2013 ein neuer Präsident gewählt wird. Soviel Sportpolitik war selten. Das Geschäft von Tibbs und Lee besteht darin, den Bewerbern zu erklären, sie hätten sündhaft teure Strategieberatung nötig, um nicht die Übersicht zu verlieren.

Kitsch, Kostüme, Kraniche

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