Von Andreas Burkert, Marbella

Der manische Berufstorwart Oliver Kahn nähert sich entspannt dem Ruhestand - doch der Stachel der WM 2006 sitzt tief.

Man hat dieser Tage gleich mehrfach zweimal hinsehen müssen, ob dies wirklich Oliver Kahn gewesen ist und nicht ein perfekt geföhntes Double. Denn dieser Kahn hatte immer wieder herzhaft gelacht während der Arbeit im Trainingslager des FC Bayern, und er hatte zudem nicht wenige der ebenfalls in Marbella weilenden Fans von Borussia Dortmund in den Arm genommen. Für einen Schnappschuss ausgerechnet mit jenen, die ihn im Westfalenstadion stets mit einem Bananenregen empfingen. Und auch jetzt irritiert dieser Kahn für einen Moment, denn er sagt Sätze, die man niemals von ihm erwartet hätte: Das Dasein auf Erden habe "viele andere Dinge zu bieten als Fußball", sagt er, "und ich bin ja nicht auf die Welt gekommen, um mein ganzes Leben Torwart zu sein."

Oliver Kahn

Oliver Kahn: Kein Abschiedsschmerz nach 20 Profijahren. (© Foto: dpa)

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Dass der manische Berufstorwart Kahn, 38, auf der Zielgeraden seiner Karriere einmal derart gelassen klingen würde, ist lange undenkbar gewesen. Zwar verspürt er nach eigener Aussage vor der letzten Rückrunde nach 20 Profijahren keinen Abschiedschmerz, "nee, ganz bestimmt nicht!" So viel des alten, unterkühlten Kahns steckt also schon noch in ihm. "Vielleicht über 50 Trainingslager" habe er eben hinter sich, "deshalb kommt überhaupt keine Wehmut auf". Und wie solle das hier auch gehen im monotonen Alltag. "Da schaltest du ja auf Autopilot und hast nicht so viele Gelegenheiten, dir Gedanken zu machen." Immer weiter, weiter, das ist lange Motto und Erfolgsgeheimnis des einstigen Welttorhüters gewesen, den sie einmal Titan nannten. Und genauso nähert er sich nun dem Ruhestand zum Saisonende, hoch konzentriert und emotionslos: "Du versuchst halt, noch ein paar Monate alles rauszuholen, und dann ist es gut."

Runterfahren, Abstand gewinnen

Was dann kommt nach dem letzten Spiel am 17. Mai gegen Hertha BSC, das sei völlig offen. "Runterfahren" werde er sich aber, das sei sicher, und zumindest "mittelfristig" wolle er Abstand gewinnen. Ein diskutiertes Engagement in Asien wäre demnach kein Thema mehr, die Variante seines Einstiegs ins Management der Münchner dagegen irgendwann schon, glaubt er. "Doch ob ich überhaupt noch mal was im Fußball machen werde, das behalte ich mir jetzt mal vor."

Ganz so einfach wäre es für ihn bei den Bayern ohnehin nicht. Schon vor einiger Zeit hatte Manager Uli Hoeneß kundgetan, die ursprünglichen Pläne, Kahn als seinen Nachfolger aufzubauen, seien hinfällig. Eine gewisse Eigenwilligkeit und auch Kahns private Kapriolen hatten wohl dazu geführt; zuletzt hatte der Mannschaftskapitän wegen vorzeitigen Verlassens der Weihnachtsfeier, einer diesbezügliche Flunkerei und Kritik an Mitspielern eine Partie aussetzen und 25.000 Euro Strafe zahlen müssen.

Matthäus? "Warum nicht"

Und zum Juli nun wird ausgerechnet Jürgen Klinsmann Trainer der Bayern, bis 2010 hat jener frühere Bundestrainer unterschrieben, der Kahn im Nationalteam zur Nummer zwei hinter Jens Lehmann degradierte und dem Münchner damit die Erfüllung eines "Lebenstraums" versagte. So mag sich Kahn zurzeit so relaxt und umgänglich wie lange nicht mehr geben - wenn die Rede auf Klinsmann und Lehmann kommt, faltet er doch ein wenig angestrengt seine kräftigen Torhüterhände. Dieser Stachel sitzt noch. Kahn deutet das an, wenn er etwas über den prominentesten Möchtegern-Trainer der Bayern sagen soll. Wäre Lothar Matthäus eine Alternative zu Klinsmann gewesen? "Och, warum nicht", entgegnet er dann, "so ein erfahrener Mann mit 150 Länderspielen, der auch schon die eine oder andere Mannschaft trainiert hat", der könne das. Matthäus hatte kundgetan, auch mit ihm habe Klubvorstand Rummenigge verhandelt, worauf dieser nun erwiderte, das Gespräch habe Matthäus angeregt; zudem sei der Termin am 20. November - einen Monat vor Ottmar Hitzfelds Entscheidung, das Traineramt zum Juli abzugeben - eher ein privater gewesen. "Lothar hatte nie an Angebot, Trainer des FC Bayern zu werden", sagt Karl-Heinz Rummenigge.

Oliver Kahn will das Münchner Tollhaus also demnächst als Privatier verfolgen, wenigstens eine Zeitlang. Und vielleicht liegt ihm ja danach sowieso eher die Rolle eines Gurus, in Marbella hat er das ja schon mal geübt. Nicht nur beim Thema Matthäus, auch zum Komplex Lehmann gönnte er sich einige Spitzen. Dass der Nationalkeeper in London auf der Bank sitze und womöglich dennoch bei der EM im Sommer das deutsche Tor bewache, nannte er "einen gefährlichen Weg, denn sachlich gesehen ist das schon ein Problem, und deswegen wundert es mich schon, dass er nicht versucht, irgendwo Spielpraxis zu bekommen."

Klinsmann und Lehmann, sie also schon - und dennoch, mehr kann dem angehenden Fußballpensionär Kahn momentan kaum etwas anhaben. Irgendwie ist da wohl jemand mit sich im Reinen, obwohl Kahn wohl noch selbst nicht genau weiß, wie er das demnächst findet, so ganz ohne sein Tor im Rücken. Doch womöglich ist der ewige Ehrgeizling doch dem Frieden näher, als viele meinen. Am Mittwoch hat er ja sogar seinen Nachfolger Michael Rensing wohlwollend wie noch nie bewertet, "ich denke, er ist soweit", sagte Kahn. Und nur in diesem Zusammenhang sprach er jenes Wort aus, welches früher in kaum einem seiner Sätze fehlte. Unheimlichen Druck werde Rensing haben, sagte er, das müssten die Bayern verstehen und ihm deshalb auch Fehler zugestehen. Kahn schaute dabei hoch, sein Blick war jetzt offen. Er war es wirklich.

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(SZ vom 17.01.2008/lsp)