Von Philipp Selldorf

Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff reagiert wütend und verständnislos auf die neueste Brandrede von Rudi Völler.

Er hat sich damit abgefunden, aber die Einsicht tut ihm weh. "In der Liga bin ich wohl nicht so beliebt", sagt Oliver Bierhoff, und dabei drückt seine durchaus traurige Miene aus, dass er an dem Zustand gerne etwas ändern würde. Er weiß bloß nicht, wie er das anstellen soll, denn er hat ja niemanden beleidigt und keinem etwas weggenommen, er ist bloß der Manager des zur Zeit ziemlich erfolgreichen deutschen Nationalteams und spricht gern darüber. "Na ja", fügt er noch an, "irgendwie scheint Poltern auch derzeit beliebt zu sein. Erst poltert der Uli, dann der Rudi ..."

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Rudi Völler ist, wie seit der legendären Mist & Käse-Rede von Reykjavik das ganze Land weiß, ein ähnlich begnadeter Polterer wie Uli Hoeneß. Aber so rüde gepoltert wie am Wochenende hat er selten, und diesmal haben ihn nicht Missstände der Fußballgesellschaft geleitet wie damals in Island, als er das Gedröhne der "Gurus und Ex-Gurus" von Lattek, Breitner bis Beckenbauer anklagte, diesmal trieb ihn besonders seine persönliche Aversion gegen Bierhoff und dessen Stil als DFB-Manager an. "Mehr Demut" und "größere Zurückhaltung" empfiehlt Völler seinem einstigen Schüler, wenn der - wie im SZ-Interview am Samstag geschehen - die Arbeitsweisen zwischen Nationalmannschaft und Bundesliga vergleicht.

Höchste Sarkasmus-Noten

Doch lässt sich auch bei Völler die geforderte Zurückhaltung nicht gerade erkennen, wenn er Bierhoff wegen jenes Interviews den Besuch beim Mannschaftsarzt rät: "Oliver Bierhoff", sagte er dem kicker, "sollte sich in den nächsten Tagen bei Dr. Müller-Wohlfahrt untersuchen lassen. Das permanente sich-selbst-auf-die-Schulter-klopfen muss doch schmerzhafte Schädigungen nach sich ziehen." Auf der Sarkasmus-Skala erreicht dieser medizinische Ratschlag höchste Werte.

In Völlers Angriff, von Bierhoff am Montag als Stammtischrede abqualifiziert ("Das ist nicht mein Niveau"), mischen sich persönliche Motive mit einem ausgreifenden Konflikt ums Fachliche. Völler ist genervt davon, dass aus dem Stab des Nationalteams regelmäßig Hinweise darauf erfolgen, wie die Klubs ihre Spieler besser fördern könnten, damit die Bundesliga den internationalen Ansprüchen genügt. Als "Belehrungen" empfindet der Sportchef des Uefa-Cup-Teilnehmers Bayer Leverkusen die Äußerungen aus der DFB-Eliteschule, und es stört seine konservative Fußballer-Seele, dass die dortige neue Lehre so sehr auf Laptop und datengestützte Programmatik setzt. "Ich habe den Eindruck, dass da nur noch von Philosophien geredet wird", schimpft er, als gelte es, eine Gegendarstellung anzubringen: "Die Spielphilosophie von heute ist zuallererst ein Produkt der hervorragenden Jugendarbeit in den Vereinen."

Er steht mit dieser Art Einwand nicht allein in der Liga. Anmerkungen aus dem Stab des Nationalteams werden bei den meisten Trainern und Sportchefs nicht als konstruktive Beiträge, sondern als Einmischung und als Vorwurf der Konzeptlosigkeit empfunden. Als Bundestrainer Joachim Löw im August eine Debatte über die deutsche Zweikampftechnik anzustrengen versuchte, empfing er selbst von gewöhnlich kooperativen Fachleuten wie Bremens Thomas Schaaf Ablehnung. Im Sinne von: Geht ihn nichts an.

Bierhoff eignet sich offenbar bestens für die Rolle des Sündenbocks

Während aber der umgängliche und anerkannt erfolgreiche Cheftrainer Löw nur moderate Widerworte erfährt, eignet sich Bierhoff offenbar bestens für die Rolle des Sündenbocks. Recht hemmungslos gehen besonders die Haudegen der Liga gegen ihn vor, sobald er eine ungenehme Meinung geäußert hat. So hat er sich bereits ungezählte Attacken von Rudi Assauer, Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß ("Er soll das dumme Gequatsche sein lassen") zugezogen und jetzt eben auch von Rudi Völler, der seine Abneigung gegen das (in der Tat überstrapazierte) Wort Philosophie zu einer groben Gemeinheit nutzte: "Die Philosophie für den Spieler Bierhoff, die musste noch erfunden werden. Brasilianische Spielweise einfordern mit Füßen aus Malta, das geht eben nicht." Dem Betroffenen ist vermutlich damit klar geworden, warum ihm sein ehemaliger Teamchef bei der Nationalelf Anfang 2002 das Kapitänspatent entzog und bei der WM statt des Torjägers Bierhoff lieber den, ähem, Torjäger Jancker spielen ließ.

Am Montag steckten Bierhoffs in Zweifel gezogene Füße in schwarzen, blank geputzten Halbstiefeln, und er hielt sie ruhig beieinander, als er in der Frankfurter DFB-Zentrale auf Völlers Tirade antworten sollte. Er habe "über Fakten gesprochen, das hat nichts mit Schulterklopfen zu tun", sagte er zu Völlers Vorwurf des Eigenlobs und zeigte sich einigermaßen bedrückt über die Worte seines früheren sportlichen Vorgesetzten: "Traurig, wenn man persönlich wird und unter die Gürtellinie geht." Ob der Vorwurf, maltesische Füße zu haben, für eine Beleidigungsklage taugt, weiß man nicht (wurde vor Gericht noch nicht verhandelt), richtig ist aber auf jeden Fall Bierhoffs Ansicht, dass er mit der eigentlichen Sache nichts zu tun hat ("Wie ich als Fußballer war, spielt doch überhaupt keine Rolle für unsere Arbeit heute"). Sicherheitshalber gab er aber noch mal seine beeindruckende Torquote aus den Jahren in Italiens SerieA durch und bemerkte spitz: "Wenn er sagt, für mich müsste eine Philosophie gefunden werden - in Italien haben sie sie anscheinend gefunden." Woher aber nun dieser plötzliche Ausbruch in Leverkusen kam? Bierhoff zuckt mit den Schultern, er mag darüber nicht spekulieren.

Das Heldenepos von der WM 2002 gilt inzwischen als Rumpelnummer

Sicher ist aber die Erklärung nicht abwegig, dass Völler eine Menge Verdruss empfindet, wenn er die Lobeshymnen auf das heutige Nationalteam hört. In diesem Licht verschwinden seine Verdienste als Teamchef in den schweren Jahren 2000 bis 2004 zunehmend im Dunkeln. In mancher Darstellung erscheint die Ära Völler schon als Neo-Steinzeit des deutschen Fußballs. So ist das Heldenepos von der WM 2002 in der öffentlichen Geltung mittlerweile als Rumpelnummer abgelegt, während der Auftritt 2006 als Sommermärchen firmiert. Ein Erbstreit sozusagen.

Vermutlich wird sich die Sache schnell beruhigen. Bezeichnend ist der Fall trotzdem: Wie Bierhoff in seinem Unverständnis über den Trotz der Vereine berichtete, zeigt die Liga an der Arbeit ihrer Nationalspieler beim DFB und den dort erhobenen Daten null Interesse. "Bei mir hat sich in den drei Jahren als Manager kein Verantwortlicher aktiv erkundigt, was wir gemacht haben."

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(SZ vom 20.11.2007/lsp)