Özil und Gündoğan Einer redet gar nicht, der andere später

  • Beim DFB-Medientag hätte Mesut Özil Stellung nehmen können zu seinem umstrittenen Foto mit dem türkischen Präsidenten - doch der Fußballer taucht nicht auf.
  • Auch İlkay Gündoğan meidet die große Runde, spricht dann aber mit ausgewählten Journalisten über seine Verbundenheit zu Deutschland.
  • Der Verband macht insgesamt gerade keine gute Figur.
Von Sebastian Fischer, Eppan

Die deutschen Fans hatten jedes Mal gepfiffen, wenn er den Ball berührte, quälende Sekunden lang, doch jetzt feierten sie. Mesut Özil hatte mit einem halb geschlenzt und halb gezauberten Drop-Kick das 1:0 gegen Österreich geschossen. Den Ball hatte er mit einer sanften Berührung kontrolliert, wie es auf der Welt nur wenige Fußballer können. Doch er jubelte kaum. Vielmehr sah Özil erschöpft aus. Er hatte mit einem Tor alles gesagt, was er in diesen Tagen zu sagen gedenkt.

Özil, 29, Deutschlands sportlich unumstrittener zentraler Mittelfeldspieler, findet sich wenige Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft in Russland noch immer inmitten einer Debatte wieder, die wenig mit seiner Kernbeschäftigung zu tun hat. Mitte Mai hatte Özil in London, wo er für den FC Arsenal spielt, den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in einem Hotel getroffen, genau wie der ebenfalls in Gelsenkirchen geborene Nationalspieler İlkay Gündoğan von Manchester City. Sie hatten Erdoğan Trikots überreicht und das von einem Fotografen von dessen Partei AKP festhalten lassen. Die seitdem berühmten Bilder waren tags darauf auf den AKP-Kanälen im Internet zu sehen. Deutsche Politiker kritisierten die Fotos vehement, der Deutsche Fußball-Bund zunächst auch. Seitdem waren Fragen offen.

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Wie kam es zu dem Treffen? Mussten sich die Profis nicht der Wirkung der Bilder bewusst sein, mit denen der türkische Präsident nun Wahlkampf machte? Waren womöglich wirtschaftliche Interessen der Spieler involviert? Warum schrieb Gündoğan auf sein Trikot gar eine Widmung für "meinen verehrten Präsidenten"? Bereuen sie die Fotos? Belasten sie die Diskussionen, die so weit führten, dass ein SPD-Lokalpolitiker zurücktrat, weil er die beiden Spieler im Internet unsäglich beleidigte? Belasten sie die Pfiffe, die deutsche Fans beim 1:2 in Klagenfurt am vergangenen Samstag offenbar als ihren wütenden und dumpfen Beitrag zur Debatte verstanden?

Gündoğan redet nur vor ausgewählten Journalisten

Özil, das sollte man wissen, ist kein großer Freund von öffentlichen Erklärungen. Deshalb ließ er sich entschuldigen, als der DFB am Dienstag zu einem Medientag in das Mannschaftshotel in Südtirol geladen hatte. Er habe bereits alles gesagt, ließ er über den DFB ausrichten, jedenfalls zu den relevanten Personen.

Gündoğan redete dagegen, allerdings nur mit Journalisten vom Sport-Informations-Dienst, der Deutschen Presse-Agentur, ARD und ZDF - um nicht die ganze Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, hieß es. Die Fotos, ein Fehler? "Das war eine Erfahrung, die im Nachhinein betrachtet nicht leicht war", sagte Gündoğan. Er verstehe, "dass man die Aktion nicht gut finden muss". Jeder Mensch habe seine eigene Meinung, er stehe für Meinungsfreiheit, fühle sich deshalb privilegiert, "in Deutschland geboren und aufgewachsen zu sein. Aber beleidigen lassen will ich mich auch nicht." Auch Gündoğan war bei jedem Ballkontakt und seiner Auswechslung von einem Teil der Fans ausgepfiffen worden. Es sei "schwierig, damit umzugehen".

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Özil und Gündoğan hatten eine Woche nach dem Treffen mit Erdoğan die DFB-Spitze zu einer Aussprache getroffen und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue besucht. Özil, so teilte es Steinmeier hinterher mit, habe gesagt: "Ich bin hier aufgewachsen und stehe zu meinem Land." DFB-Präsident Reinhard Grindel sagte, beide Spieler hätten versichert, dass sie "kein politisches Signal senden wollten". Das wiederholte Gündoğan am Dienstag, er sagte: "Wir haben durch unsere türkischen Wurzeln noch einen sehr starken Bezug zur Türkei. Das heißt aber nicht, dass wir jemals behauptet hätten, Herr Steinmeier sei nicht unser Bundespräsident oder Frau Merkel nicht unsere Bundeskanzlerin. Es war nie das Thema, ein politisches Statement zu setzen." Es sei für ihn "ein tiefer Schlag, dass es so dargestellt wird, dass wir nicht integriert seien und nicht nach deutschen Werten leben würden." Zum Treffen mit Erdoğan seien alle türkischstämmigen Premier-League-Spieler eingeladen gewesen.