Novak Djokovic gewinnt die Australian Open Schach mit Filzbällen

Novak Djokovic im Finale gegen Andy Murray: flink, stark und cleverer

(Foto: REUTERS)

Es war ein Duell unter Freunden, von Taktik geprägt und mit dem besseren Ausgang für den Weltranglistenersten: Novak Djokovic besiegt im Endspiel der Australian Open Andy Murray - und gibt schon mal einen feinen Ausblick auf das Tennisjahr 2013.

Von Milan Pavlovic

Vielleicht war es die weiße Feder, die beim Stand von 2:2 im Tiebreak des zweiten Satzes über den Platz trudelte. Andy Murray stand bereit, seinen zweiten Aufschlag zu spielen, als er sich entschloss, die Feder vom Feld zu tragen. Als er die Aufräumaktion beendet hatte, unterlief dem Schotten ein Doppelfehler, der ihn den eminent wichtigen zweiten Satz kostete. Vielleicht waren es aber auch die drei hintereinander vergebenen Breakbälle von Murray zu Beginn dieses Durchgangs, die entscheidend für den Ausgangs des Finales in Melbourne waren.

Novak Djokovic hatte soeben den fast 70-minütigen ersten Satz verloren, obwohl er mehr Chancen gehabt hatte, und nun schlich der Serbe über den Center Court, wie er es manchmal in solchen Situationen tut: Die Schultern hingen tief vor lauter Enttäuschung herunter, der Blick wirkte fahl, der Atem schwer. Das sind die Momente, in denen man die 25-jährige Nummer eins der Tenniswelt überwältigen muss. Andy Murray schaffte es nicht, und deshalb musste er sich am Ende nach dreidreiviertel Stunden geschlagen geben, 7:6 (2), 6:7 (3), 3:6, 2:6 - am Ende deutlicher als das nach den beiden ersten Sätzen zu vermuten war.

Zum vierten Mal gewann Djokovic damit "mein Lieblingsturnier", genauso oft wie Andre Agassi, von dem er den Pokal überreicht bekam; der Serbe ist außerdem der erste Spieler der Profi-Ära (seit 1968), der seinen Titel in Australien zweimal erfolgreich verteidigen konnte. "Es ist ein unglaubliches Gefühl, diese Trophäe ein weiteres Mal in Empfang nehmen zu können", sagte er. Und es sei noch besser, "in die Rekordbücher dieses Turniers einzugehen". Murray blieb nichts übrig, als einzugestehen, "dass Novak verdient gewonnen hat, weil er seine Chancen besser genutzt hat".

Wenn man sich so gut kennt wie Djokovic und Murray, wird Tennis rasch zu einer Art Schach mit Filzbällen. Seit ihren Juniorentagen haben die beiden immer wieder gegeneinander gespielt und noch häufiger miteinander trainiert. Djokovic erinnert sich genau daran ("Andy hatte damals noch viel wildere Locken und war deutlich blasser"). Jeder weiß um die Stärken des Gegners, oft können sie dessen Züge schon vorher ansagen. Die Kunst besteht dann darin, die Bälle trotzdem so gut zu spielen, dass sie unerreichbar sind - oder zu improvisieren.

Die Optionen zielen so oder so darauf ab, sich in den Kopf des anderen zu schleichen, Zweifel zu sähen, den Willen zu brechen. Aus den beiden vergangenen epischen Duellen bei Grand Slams (Djokovic gewann 2012 in Melbourne in fünf Sätzen, Murray bei den US Open - seinem ersten Major-Erfolg überhaupt - ebenfalls in fünf), hatten offenbar beide übereinstimmende Schlüsse gezogen: dass es kontraproduktiv ist, stets mit höchster Intensität zu Werke zu gehen. Und weil beide um die überragenden Konterfähigkeiten des anderen wussten, wurde jede Attacke noch akribischer vorbereitet als sonst. So kam es, dass beiden in der Vorbereitung mehr Fehler unterliefen als gewöhnlich.