Die Nordische Ski-WM weckt vor ihrer Eröffnung nicht nur freudige Erwartungen: Die Dopingdebatte im Langlauf wird wieder schärfer - während die Fahnder leise Verdachtsfälle sammeln.
Björnar Haakensmoen hat ein paar Zahlen parat, und die lässt er jetzt tanzen, damit jedem klar ist, warum er als Langlaufdirektor des Norwegischen Skiverbandes mit einem gewissen Unbehagen auf die internationale Szene seines Sports blickt. 300 Antidopingtests hat Norwegens Elite seit 1. Januar bis zum Weltcup in Reit im Winkl am vergangenen Wochenende über sich ergehen lassen, 216 davon nahm die nationale Antidopingagentur vor, den Rest der Internationale Skiverband in Zusammenarbeit mit der Weltantidopingagentur Wada.
Langläufer sehen sich vielen Zweifeln gegenüber. (© Foto: ddp)
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Die Weltcup-Führende Marit Björgen ist laut Haakensmoen 2005 allein schon 40 Mal getestet worden. Verdächtigungen spart er sich, anklagen will er niemanden, aber er erlaubt sich, demonstrativ darauf zu hoffen, "dass überall so viel getestet wird wie in Norwegen, Schweden, Deutschland oder ähnlichen Ländern".
Ruhe nach den Skandalen
Es herrscht eine seltsame Atmosphäre im Zirkus der Profilangläufer vor dieser Nordischen Ski-WM, an deren perfekter Inszenierung das deutsche Fernsehen schon seit Monaten arbeitet. Sie schwankt zwischen Wohlwollen, mühsam unterdrücktem Zweifel und ernstem Zorn.
Das Thema Doping hat die Szene wieder eingenommen, was einerseits kein Wunder ist bei einer derart anfälligen Ausdauersportart, andererseits vor kurzem noch ganz anders aussah. Da lag es nämlich noch im Trend, an die Läuterung des Betriebs zu glauben nach den Blutdoping-Skandalen bei der WM 2001 in Lahti und den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City, und tatsächlich herrschte bis auf das Epo-Vergehen der Finnin Kaisa Varis bei der WM 2003 im Val di Fiemme halbwegs Ruhe im Affären-Theater. Unser Sport ist sauber, lautete das Votum unter Athleten und Trainern, und dazu gab es ein Lob für die verbesserte Antidopingarbeit der Fis.
Doch mittlerweile berichtet die deutsche WM-Hoffnung René Sommerfeldt, Weltcup-Gesamtsieger 2004, von einer etwas veränderten Gesprächskultur. "Es ist schon zu spüren, dass ein Misstrauen untereinander da ist", sagt er. Besonders in den vergangenen zwei Wochen hat sich die Situation verändert. "Jetzt, nach dem Fall Vittoz, ist das wieder hochgekommen", sagt Sommerfeldt und meint damit die unselige Begebenheit um den Weltranglisten-Zweiten Vincent Vittoz aus Frankreich, der im Kölner Antidopinglabor in der A-Probe positiv auf das Maskierungsmittel Furosemid getestet worden war und in der B-Probe negativ.
Der deutsche Bundestrainer Jochen Behle zürnte ("sehr, sehr peinvoll") in der berechtigten Angst, gleiches könne seinen Athleten auch passieren, und forderte mit einigen Kollegen lückenlose Aufklärung. Weil ihre Athleten zuletzt in ziemlich kurzen Abständen Besuch bekommen hatten, regten Behle und Haakensmoen bei der Gelegenheit gleich ein koordinierteres Testverhalten von nationaler Antidopingagentur sowie Fis und Wada an.
Und wer noch mehr Zweifel suchte, musste nur zur Pressekonferenz nach dem 10-km-Rennen von Reit im Winkl gehen. Da war das russische Siegerinnen-Trio Olga Sawjalowa, Jewgenia Medwedjewa und Julia Tschepalowa nämlich plötzlich ganz besonders kurz angebunden, als sie ein paar Gedanken zum Sportbetrug und zu Lehren aus vergangenen Sünden vortragen sollten.
Zielfahndung per Blutbild
Das muss alles nichts heißen, aber dass es in den Oberstdorfer Loipen porentief reine Wettkämpfe geben wird, glaubt auch der Dopingexperte im Medizin-Komitee der Fis nicht. Professor Bengt Saltin klang schon mal optimistischer, und das liegt nicht allein daran, dass er wegen eines "medizinischen Problems", wie er es ausdrückt, seine Reise vom Kopenhagener Institut für Muskelforschung zur WM vorerst nicht antreten konnte. Auch nicht an den Klagen Behles und Haakensmoens, weil er nicht viel dabei findet, dass es zu einer Häufung von Tests kommt: "Das mag die Athleten nerven, aber für uns ist das kein Problem."
Schon eher an der Geschichte um Vittoz, in der die Fis bis zum heutigen Mittwoch aus Köln Antworten auf die Frage nach dem Warum hören möchte. Aber besonders beunruhigen ihn die Eindrücke, die er bei den jüngsten Testkampagnen vor der WM gewonnen hat. Saltin ist ein Stratege des Antidopingkampfes. Er testet gezielt und leitet aus Blutbildern verdächtige Fälle ab. Auf diese Weise hat er 2002 den Allgäuer Spanier Johann Mühlegg des Blutdopings überführt. Und auch jetzt läuft seine Maschinerie.
Ergebnis: Probleme mit nicht anzutreffenden Athleten seien "extrem ausgeprägt" gewesen. Und: Die Zahl der Athleten, die wegen erhöhter Hämoglobinwerte eine Schutzsperre absitzen mussten, war so hoch "wie fast noch nie", sagt Saltin: Sie lag bei sechs. "Das kann bedeuten, dass die Athleten sehr gut vorbereitet sind auf die WM", sagt Saltin, ein erhöhter Hämoglobinwert deutet schließlich auf verbesserte Ausdauerwerte hin. "Aber ob sie das mit legalen Mitteln erreicht haben, ist die andere Frage." Ein erhöhter Hämoglobinwert kann nämlich auch auf Blutdoping hinweisen. Bengt Saltin sagt: "Wir sind besorgt."
Die WM in Oberstdorf als Schauplatz eines weiteren Dopingknalls? "Ja", sagt Saltin, "das ist nicht ausgeschlossen." Die Langlauf-Szene ist ein günstiges Betätigungsfeld für Antidopingkämpfer, vor allem im Vergleich zum Radsport mit seinen 1200 lizensierten Profis oder der Leichtathletik, deren Elite sich über den gesamten Globus verteilt.
Sie ist überschaubarer, und "die Kultur ist besser", glaubt Saltin, durch ein hohes moralisches Niveau in Ländern wie Norwegen oder Schweden. Das grenzt den Kreis der Verdächtigen ein, so dass Saltin und seine Mitarbeiter ihr Ziel konsequenter verfolgen können. "Wir wollen eine saubere Weltmeisterschaft", sagt Bengt Saltin, "und wir wollen alles dafür tun." Er klingt zuversichtlich. Die Sportbetrüger sollen sich fürchten.
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(Süddeutsche Zeitung vom 16.2.2005)
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