Abstieg des Hamburger SV Chaos als Identität

Der Abstieg des Hamburger SV ist letztendlich eine gute Nachricht: Misswirtschaft und Fehlplanungen werden eben doch bestraft.

Kommentar von Carsten Scheele

Ist 2018 das Jahr der Gerechtigkeit? Seit 2014 und 2015 ist jedenfalls viel Zeit vergangen, in der die berühmte Bundesliga-Uhr des Hamburger SV weiterticken durfte, obwohl sie den fälligen Batteriewechsel zum Saisonende mehrfach nicht hätte überstehen dürfen.

Der HSV war der Klub der tausend Leben. Wie in einem Computerspiel, bei dem man nur eine Tastenkombination drücken musste, um einen Extraversuch zu erhalten, rettete sich Hamburg Jahr für Jahr vom Gang in die Zweitklassigkeit: 2014 mit zwei Unentschieden in der Relegation gegen Greuther Fürth, 2015 sogar in der Nachspielzeit des Relegations-Rückspiels gegen den Karlsruher SC. Zweimal war der HSV quasi weg, zweimal wurde er reanimiert.

Auch 2017 war der Klub auf dem besten Weg in Richtung Relegation, aber im entscheidenden Spiel gegen Wolfsburg tauchte ein Spieler namens Luca Waldschmidt auf und schoss das entscheidende Tor - davor hatte er nie in der Bundesliga getroffen. Irgendeine Macht rettete den HSV immer wieder, und der Verein versuchte, auch mangels Erfolgen, daraus ein Image zu machen.

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Das Chaos wurde zur HSV-Identität

Das Maskottchen ist seit 2003 ein Dinosaurier, im Stadion installierte der Verein die berühmte Bundesliga-Uhr, die seit dem Anpfiff des ersten Spieles am 24. August 1963 um 17 Uhr bei Preußen Münster läuft. Nun am 12. Mai 2018 gegen Borussia Mönchengladbach ist die Zeit des HSV in der Bundesliga erst einmal abgelaufen - nach genau 54 Jahren, 261 Tagen, 0 Stunden und 36 Minuten. Und das auch nur, weil ein paar HSV-Zuschauer, die den Begriff "Fan" nicht verdient haben, mit Rauchbomben und Böllern den Abpfiff um 17 Minuten verzögerten.

Dass der Hamburger SV als Bundesliga-Gründungsmitglied tatsächlich erstmals abgestiegen ist, ist für viele traurig. Die Aufholjagd zum Saisonende mit Siegen gegen Schalke, Freiburg, Wolfsburg und Mönchengladbach war ehrenwert; unter dem früheren U23-Coach Christian Titz spielte die Mannschaft endlich wieder den offensiven Fußball, den die Anhänger so lange vermissten. Vielleicht hätte es wieder gereicht, wenn Titz zwei, drei Spiele früher gekommen wäre. Doch so war die Hypothek (acht Punkte Rückstand im April) zu heftig: Dieser Abstieg ist das Ende vom Mythos, dass Misswirtschaft und Fehlplanungen bei einem Klub wie dem HSV einfach nicht bestraft werden. Deshalb ist er auch eine gute Nachricht.

Es ließen sich Bücher füllen über die Menschen, die in den vergangenen zehn Jahren am HSV herumdoktern und mitschrauben durften. 13 Trainer verschliss der Klub in dieser Zeit (Interimstrainer nicht mitgerechnet), fast ebenso viele Vorstände, Manager und Sportdirektoren. Jeder brachte eigene Ideen mit, werkelte auf seine Weise an Verein und Mannschaft herum, das Chaos wurde zur HSV-Identität. Erfolg war in diesem seltsamen Milieu kaum noch möglich, die Spieler ließen sich anstecken: Wie von einem seltsamen Virus befallen spielten sie zuverlässig 50 Prozent schlechter als bei ihren vorherigen Klubs. Viel Geld bekamen sie trotzdem.

Eine zweite Saison in der zweiten Liga wäre schwierig zu finanzieren

Und dann war da noch Klaus-Michael Kühne, der Mäzen und einer der reichsten Männer Deutschlands, der dem HSV häufiger mit seinen Millionen aus der Patsche half, dafür aber (sportlich nicht immer sinnvolle) Forderungen stellte, die der Klub in seiner Not brav erfüllte.

Das größte Wunder war eigentlich, dass es so lange gut gegangen ist.

Dass sich der Klub in der zweiten Liga nun erholen kann, Stichwort Batteriewechsel, ist dagegen nur halb richtig. Die zweite Liga kann zwar eine Art Kur werden für den Verein, jedoch eine, die sofort anschlagen muss. Der Klub muss viel zu teuer bezahlte Spieler loswerden und ein Team aufstellen, dass sofort wieder aufsteigt. Darunter geht es nicht. Eine zweite Saison in der zweiten Liga wäre schwierig zu finanzieren. Mehr als 100 Millionen Euro Schulden drücken den Verein schon jetzt.

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