New-York-Marathon Faule Äpfel

Alte, neue Siegerin: Die Kenianerin Mary Keitany gewinnt den Marathon in New York, den sie im Vorjahr bereits für sich entschieden hatte.

(Foto: Mike Segar/Reuters)

Kenias Siege geraten in New York ob der Glaubwürdigkeitskrise im Marathon in den Hintergrund.

Von Johannes Knuth, New York/München

Mary Keitany war dann mal weg. Lange hatten sie sich in einer großen, nicht allzu schnellen Führungsgruppe durch die Straßen New Yorks geschoben. Manchmal hatte man den Eindruck, als bezeuge man da nicht ein Elitefeld beim Marathonlauf, sondern einen der berüchtigten New Yorker Verkehrsstaus. Aber dann! Dann schüttelte Keitany eine Konkurrentin nach der anderen ab. Sieben Kilometer vor dem Ziel löste sie sich von der Äthiopierin Tigist Tufa, ihrer letzten Beschatterin. Nach 2:24:25 Stunden joggte sie über die Ziellinie, es war keine Zeit, die Beobachtern den Atem raubte, aber auf dem kniffeligen Kurs, der sich von Staten Island in den Central Park schlängelt, kommt es ja darauf an, wer als Erster ins Ziel läuft. Und das war diesmal eben Mary Keitany, 33, aus Kisok/Kenia. Der Sonntag beim New-York-Marathon war ein Tag, an dem die Läufer aus Ostafrika mal wieder ihre Dominanz auffrischten, vor allem die Kenianer. Bei den Männern kennt man das, da gewann diesmal Stanley Biwott, der die letzten zehn Kilometer derart schnell hinter sich brachte, dass es selbst den Vorjahressieger Wilson Kipsang auf Rang vier zurückwehte. Bei den Frauen allerdings hatten sich bis ins letzte Jahrzehnt hinein die Europäerinnen an die Macht geklammert, Paula Radcliffe zum Beispiel, die Weltrekordhalterin aus Großbritannien, die Russinnen, in Irina Mikitenko auch eine Deutsche. Und jetzt, im Jahr 2015, gewann beim Marathon in London Äthiopien vor Kenia und Äthiopien. In Chicago: Kenia vor Äthiopien und Äthiopien. In Berlin: Kenia, dann vier Mal Äthiopien. Und in New York: Keitany/Kenia vor Mergia/Äthiopien und Tufa/Äthiopien, die bereits in London gewonnen hatte. Als beste Europäerin taumelte am Sonntag Sara Moreira aus Portugal als Vierte ins Ziel. Sie freute sich, als hätte sie gerade gewonnen.

Im Marathon der Frauen verfestigt sich offenbar jener Trend, den man von den Männern kennt: Die Welt der Langstrecke zerbricht in Ostafrika und den Rest. Die Frauen der Kalenjin, dem berühmten Läuferstamm Kenias, sammelten früher Feuerholz, schleppten Wasserkrüge, erzogen die Kinder, während die Männer in die Welt hinausliefen in der Hoffnung, irgendwann einmal Medaillen und Geld zurückzubringen. "Im ländlichen Kenia ist es noch immer ungewöhnlich, wenn eine Frau läuft, ohne dabei eine Last auf dem Kopf zu tragen", schrieb die kenianische Zeitung Post-Gazette vor einigen Jahren. Diese Haltung wurzelt noch immer im kenianischen Bewusstsein, aber nicht mehr ganz so tief. Auch dank Lornah Kiplagat, einer ehemaligen Weltklasseläuferin, die in Kenia das erste von einer Frau geleitete Trainingscamp aufbaute. Ihre Nachfolgerinnen haben sich mittlerweile im internationalen Rennbetrieb etabliert. Nationen wie Deutschland, die alle paar Jahre eine Hochbegabte in die Weltspitze durchbringen, können da gerade nicht mehr mithalten. Und die zuletzt so starken Russinnen? Tja.

Der russische Lauf-Manager Andrej Baranow klagte vor dem Rennen am Sonntag, die New Yorker Organisatoren hätten fünf seiner besten Läuferinnen nicht für ihr Elitefeld nominiert, darunter Tatjana Petrowa, die im olympischen Marathon 2012 Bronze gewonnen hatte. "Ich kann mir denken warum", sagte Baranow der New York Times: "Wegen des Dopingproblems in Russland. Aber nur weil ein paar Äpfel faul sind, sind nicht alle Äpfel faul." Peter Ciaccia, der Renndirektor in New York, entgegnete, die Organisatoren hätten ihre Informanten, die genau wüssten, welchen Athleten und Trainern man trauen könne und welchen nicht. Die Times berichtete daraufhin, dass der jüngste Dopingskandal in der russischen Leichtathletik sehr wohl die Gästeliste der Organisatoren beeinflusst habe; dass die New Yorker das Umfeld der Läufer quasi ausleuchten wie eine Art Privatdetektei, ehe sie Einladungen verschicken. Was Renndirektor Ciaccia weder bestätigte, noch dementierte.

Die Episode erweitert die Debatte in der von einer Glaubwürdigkeitskrise geschüttelten Laufgemeinde um eine weitere Frage: Darf man Läufern den Start verwehren, weil ihr Umfeld vom Verdacht bloß umweht wird? Die World Marathon Majors, die Vereinigung der größten Stadtmarathons der Welt, zu denen auch New York zählt, haben sich eine strikte Anti-Doping-Politik verordnet. Sie führen eigene Dopingtests durch; wer erwischt wird, egal mit welchem Mittel, wird nicht mehr eingeladen. Sie wollen ihre Rennserie schützen wie eine Firma ihren Ruf, das ist ihr gutes Recht. Aber wo zieht man die Grenze, wenn Szenegeflüster offenbar ausreicht, um einen Start zu verhindern? Hat zudem ein Athlet, der mit Blutdoping auffliegt, sein Startrecht im gleichen Maß verwirkt wie einer, der ein verunreinigtes Nahrungs- ergänzungsmittel konsumiert? Und was ist mit der kenianischen Läuferszene, die in den vergangenen Jahren mehr als zwei Dutzend Positivfälle hervorgebracht hat? Der Sport steht ein wenig ratlos vor diesen Fragen - auch, weil die Welt-Anti-Doping-Agentur im Fall der russischen Leichtathletik noch immer vor sich hin ermittelt.

Knapp ein Jahr nach den ersten Berichten der ARD über systematisches Doping in Russland.